Ästhetik · Der Auftakt
Es gefällt mir nicht. Seine Schönheit sehe ich trotzdem.
Ein Roman, den wir nicht wieder lesen möchten. Ein Becher, der fertig ist. Gefallen, Schönheit und Urteil müssen nicht in einem einzigen Satz aufgehen.
Sie legt den Roman zurück auf den Tisch. Noch einmal lesen möchte sie ihn nicht.
Ihr Freund ist überrascht. Gerade hat sie ausführlich von den letzten Seiten erzählt: Als jener Mensch, der so lange nicht die Wahrheit sagen wollte, endlich zu sprechen beginnt, lässt der Autor seine Worte aus. Er beschreibt nur, wie das Gegenüber die Tasse abstellt. Die scheinbar beiläufigen Pausen auf den vielen Seiten davor bekommen hier auf einmal Gewicht.
»Du findest also, er ist schlecht geschrieben?«
»Nein. Er ist sehr gut geschrieben. Ich will nur nicht noch einmal in diesem Leben wohnen.«
Darin liegt kein Widerspruch. Manche Bücher halten wir für gut, ohne sie wieder lesen zu wollen. Manche Lieder spielen wir im Auto immer wieder ab, obwohl wir wissen, dass an ihnen nichts Besonderes ist. Was ein Buch mit uns macht und was wir in ihm erkennen, fällt nicht immer zusammen.
Müssen wir beides in ein einziges »Gefällt mir« oder »Gefällt mir nicht« pressen, lässt sich manches nicht mehr sagen, das ein Gespräch wert wäre.
Mein Gefallen darf bei mir bleiben
Vielleicht magst du ein Lied, weil es dich durch einen bestimmten Sommer begleitet hat. Ein anderer hat diesen Sommer nicht erlebt und empfindet beim Hören wenig. Er schuldet dir keine Rührung. Du musst umgekehrt für deine Zuneigung keine Gründe finden, die jeder andere übernehmen müsste.
Doch es gibt auch ein anderes Gespräch. Du ziehst den Fortschrittsbalken zurück: »Hör hier.« Der Ton, der zuvor keinen festen Ruhepunkt fand, kommt auf diesem Schlag an. Dein Freund hört noch einmal hin und hebt plötzlich den Kopf. Jetzt hört er, was du meinst.
Ihr müsst das Lied deshalb nicht fortan gleich gern mögen. Aber gerade habt ihr etwas Gemeinsames wahrgenommen. Nicht bloß jeder für sich ein angenehmes Gefühl; auch hast du den anderen nicht einfach überredet. Die Beziehung zwischen den Klängen war in dieser Musik schon vorhanden. Diesmal hat auch er sie gehört.
Um solche Begegnungen geht es der SAE-Ästhetik. Was den Einzelnen anspricht und wo er verweilen möchte, bleibt seinem eigenen Geschmack überlassen. Die Ästhetik fragt nach dem, was verschiedene Menschen jeweils selbst sehen und gemeinsam anerkennen können. Der wissenschaftliche Text nennt dies eine »Überlappung«. Es gibt viele Überschneidungen, noch mehr jedoch bleibt außerhalb davon.
Diese Auffassung geht einen Schritt über »Jeder hat seinen Geschmack« hinaus: Ein Urteil über Schönheit meldet nicht nur meine Stimmung, sondern verweist auf etwas, das auch ein anderer anschauen könnte. Es folgt daraus aber kein »Also musst du so empfinden wie ich«. Man kann hören, warum der Ton an dieser Stelle gut ankommt, und das Lied trotzdem nicht mit nach Hause nehmen wollen.
Kein Experte kann für mich sehen
Hier beginnen zugleich die Schwierigkeiten. Wer kann belegen, dass er wirklich etwas gesehen hat?
Ein Schild im Museum nennt Entstehungszeit, Material und Urheber. Eine Lehrerin macht dich darauf aufmerksam, wie eine Linie durch das Bild verläuft. Ein Freund sagt: »Das hatte ich vorher übersehen. Schau noch einmal.« Doch keiner kann dir sein eigenes zustimmendes Nicken in den Kopf setzen und es für deine Wahrnehmung ausgeben.
Ein teures Bild ist deshalb noch nicht schön. Viele Lobende können uns das Sehen nicht abnehmen. Ebenso wenig ist das Urteil einer Minderheit schon deshalb wahrer, weil sie eine Minderheit ist. Ästhetik ist weder eine Abstimmung noch eine Abstimmung mit umgekehrtem Vorzeichen.
Natürlich lässt sich Sehen lernen. Nach einigen Jahren am Klavier hören wir einen Zusammenklang, der uns als Kind entging. Pinselstriche, die wir lange für ein Durcheinander hielten, lassen nach längerem Betrachten erkennen, was das Bild zusammenhält. Von jemandem gelernt zu haben heißt nicht, für immer mit geliehenen Augen zu sehen. Guter Unterricht macht es mit der Zeit möglich, dass der Lehrende nicht mehr danebenstehen muss.
Darum darf »Wenn du widersprichst, hast du es nicht verstanden« nicht das letzte Wort sein. Wer etwas schön nennt, muss sich fragen lassen: »Was genau hast du gesehen?« Wird jeder Widerspruch nur noch als Unverständnis verbucht, hat sich das Urteil an einen Ort zurückgezogen, an dem es nie mehr verlieren kann. Die neue Fassung des Aufsatzes räumt ausdrücklich ein, dass ihre eigene Auffassung falsch sein könnte. Ein Leseressay darf diese Tür nicht wieder für sie schließen.
Schönheit muss nicht angenehm sein
In einem Film kehrt eine Tochter in das Zimmer zurück, in dem ihr Vater gewohnt hat. Die Kamera fährt nicht näher heran; keine Musik übernimmt für sie das Weinen. Du wartest darauf, dass sie etwas sagt. Sie schließt nur das Fenster.
Das kann wehtun. Du genießt ihren Verlust nicht. Doch du siehst, dass der Film nicht mit Tränen für sie zu Ende spricht und all die Jahre nicht in einer Erklärung zusammenfasst. Dass die Kamera hier verweilt, hat einen Grund. Traurigkeit ist kein Beleg für Schönheit. Unbehagen hebt Schönheit aber auch nicht auf.
Ebenso ist eine Melodie, die uns entspannt, nicht schon deshalb schön. Die Entspannung ist wirklich und muss nicht abgewertet werden. Nur beantwortet sie noch nicht die Frage, was wir in dieser Melodie wahrgenommen haben.
Eine weitere Unterscheidung ist nötig: Die Schönheit einer Tragödie wahrzunehmen heißt nicht, die darin geschehende Verletzung zu billigen. Spuren an einem alten Gegenstand zu sehen heißt nicht, das Leid, das sie verursacht hat, sei »es wert gewesen«. Schönheit kann dem Leiden keine Quittung ausstellen und erst recht denjenigen nicht entlasten, der es zugefügt hat.
Der Becher, der schon fertig ist
Im Töpferkurs hat jemand sechs Becher gemacht. Der sechste liegt endlich gut in der Hand. Die Dicke des Randes, die Wölbung des Körpers und das Aufsetzen auf dem Tisch arbeiten nicht mehr gegeneinander. Er stellt ihn ans Fenster und betrachtet ihn lange.
Nebenan arbeitet jemand weiter. Drückt die Fingerkuppe innen ein wenig hinein, muss außen wieder nachgeformt werden. Der Becher hat seine Form noch nicht gefunden; die Hände suchen noch.
Beides verdient einen Blick. Uns kann anziehen, wie etwas Gestalt annimmt. Wir können aber auch still bei seiner fertigen Gestalt verweilen. Fertig geworden heißt nicht abgestorben. Das Unfertige besitzt nicht automatisch mehr Leben als das Vollendete.
Die täglichen Entdeckungen auf Non Dubito interessieren sich besonders für Werke, die ihren Weg noch suchen: ein Stück Code, ein Werkzeug, ein Versuch, der anders verläuft als geplant. Das ist der gewählte Schwerpunkt dieser Rubrik, kein Urteil über alle Schönheit. Ein oft gelesener Satz oder eine seit Jahrhunderten gespielte Musik kann uns auch heute etwas sehen lassen, das wir zuvor nicht wahrnahmen.
Auch ein Riss macht einen Becher nicht von selbst schöner. Wir müssen ansehen, wie diese Spur zur Geschichte dieses Bechers gehört, statt ihn vorab für seine »Unvollkommenheit« auszuzeichnen. Neu, alt, ganz oder beschädigt: Noch keines dieser Merkmale nimmt uns das Urteil ab.
Ein Gegenstand, mehrere Blicke
Schauen wir noch einmal auf den Becher am Fenster. Jemand achtet darauf, wie er das Licht aufnimmt. Ein anderer bemerkt die Spuren des Brennens. Wieder jemand erkennt, warum die Person, die ihn gemacht hat, jene kleine Unregelmäßigkeit stehen ließ. Es bleibt derselbe Becher; die Fragen an ihn sind nicht dieselben.
Hier setzen die dreizehn Strahlen an. Sie sind keine dreizehn Vitrinen, in denen der Sternenhimmel in der einen, Musik in einer anderen und der Mensch zuletzt in der höchsten steht. Ein und derselbe Gegenstand lässt sich aus verschiedenen Richtungen sehen.
Eine Frage macht einen Streit erstmals besprechbar: Das ist eine Richtung. In einer Melodie wird ein noch nicht erklungener Ton bereits erwartet: eine andere. Jemand weiß, wie er selbst handeln will, und überlässt dennoch dem anderen dessen Handeln: noch eine andere.
Die Strahlen bilden auch keinen Trainingsplan. Die Schönheit eines Beweises zu sehen stellt niemanden über einen Menschen, den eine Farbe anzieht. Niemand muss erst alle dreizehn Zugänge beherrschen, um sagen zu dürfen, was ihn berührt hat.
Mathematik und Physik kommen in diesen Essays vor, aber nicht als Formelprüfung. Wir fragen, warum zwei richtige Antworten verschieden wirken können, wenn eine davon auf einmal das Warum sichtbar macht. Und warum ein noch so schöner Gedanke die Antwort der Welt abwarten muss. Das bleiben Fragen der Ästhetik.
Es gibt kein Schönstes. Ein Liebstes darf es geben.
»Das ist mein Lieblingsbuch.« Dieser Satz kann vollkommen stimmen.
»Das ist das schönste Buch; bei allen künftigen Büchern braucht man nicht mehr nachzufragen.« Das ist ein anderer Satz.
Gegen den zweiten richtet sich die SAE-Auffassung, dass es kein abschließend Schönstes gibt. Sie nimmt dir dein Lieblingsbuch nicht weg und verlangt keinen ständigen Wechsel zu Neuem. Sie verweigert nur einem einzelnen Werk oder Blickwinkel die Befugnis, für alle künftigen Wahrnehmungen aller Menschen das letzte Urteil zu sprechen.
Wenn du nach Jahren dasselbe Buch wieder liest, entdeckst du vielleicht eine übersehene Passage. Vielleicht bemerkst du auch, dass ein Satz, der dich damals berührte, ein wenig für andere entscheidet. Das Buch muss deshalb nicht insgesamt verworfen und dein früheres Ich nicht verspottet werden. Diesmal hast du etwas anderes gesehen.
Eine noch ungeklärte Stelle zu entdecken ist auch kein Auftrag, sie nun unbedingt klären zu müssen. Jemand geht weiter, jemand schlägt das Buch zu. Eine offene Frage lässt einen Ort zum Weiterdenken entstehen. Ob ein Mensch weitergeht, hängt aber daran, was ihn selbst nicht loslässt. Wer heute Abend nicht weiterlesen möchte, schuldet der Ästhetik keine Hausaufgabe.
Der Freund am Tisch nimmt den Roman und schlägt die Stelle auf, an der die Figur ihre Tasse abstellt.
»Diese Stelle meinst du?«
Sie nickt.
Er liest eine Weile. Sie fragt nicht, ob ihm das Buch jetzt ebenfalls gefällt.
Quellen und weiterführende Lektüre
Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.
Zum Essay und seiner Grundlage
Dieser Essay beruht auf der zweiten Fassung von SAE: Urteilskraft und Ästhetik und auf den dreizehn Strahlen. Die Szenen mit Roman, Film, Musik und Töpferkurs sind zur Erörterung entworfene Beispiele. Sie beziehen sich nicht auf bestimmte veröffentlichte Werke oder tatsächliche Ereignisse.