Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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SAE · Nikomachische Ethik · Deutsche Neufassung
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Warum braucht der Selbstgenügsame Freunde?

Han Qin (秦汉)

Der Freund behebt keinen Mangel

Wenn der glückliche Mensch selbstgenügsam ist, wozu braucht er Freunde? Aristoteles stellt im neunten Buch den scheinbaren Widerspruch in seiner stärksten Form vor. Wer das Gute besitzt, dem fehlt nichts; der Freund gilt oft als anderes Selbst, das beschafft, was man allein nicht kann.

Aristoteles entfernt zuerst zwei Fälle. Der glückliche Mensch braucht keine Freunde des Nutzens, denn die betreffenden Güter sind vorhanden. Er braucht sie auch nicht bloß, um Lust in ein leeres Leben zu importieren; Glück ist selbst lustvoll. Der verbleibende Freund ist also kein Reparaturdienst. Die Frage lautet nun, welche Art Tätigkeit ein gutes Leben ist.

Ein anderes Selbst, kein zweites Werkzeug

Glück ist Tätigkeit, kein gelagerter Besitz. Edle Handlungen lassen sich an einem guten Freund leichter betrachten als an sich selbst; gemeinsames Tun ist kontinuierlicher als einsames. Wohltätigkeit braucht außerdem jemanden, dem sie gelten kann. Ein Leben mit allen Gütern außer Freundschaft wäre eigentümlich unvollständig.

Aristoteles vertieft das Argument über Bewusstsein. Wahrnehmen schließt ein Wahrnehmen des Wahrnehmens ein; Denken ein Bewusstsein des Denkens. Dem guten Menschen ist die eigene lebendige Tätigkeit angenehm. Der Freund ist ein anderes Selbst, daher ist auch dessen Leben in verwandter Weise wählenswert. Zusammenleben heißt nicht, wie Vieh am selben Ort zu fressen, sondern Rede und Gedanken zu teilen.

Das ist stärker als die Behauptung, Gesellschaft erhöhe das Wohlbefinden. Freundschaft gehört zur Ausübung des guten Lebens, ohne dass der Freund zu einem besessenen Bestandteil wird. Schon im ersten Buch hatte Selbstgenügsamkeit Familie, Freunde und Mitbürger eingeschlossen. Das zehnte Buch macht die Lage dennoch spannungsvoll, weil Kontemplation als besonders selbstgenügsam gilt. Diese Spannung darf nicht wegübersetzt werden.

Der Andere bei SAE

Auch SAE weigert sich, andere Menschen als Ergänzung des Selbst zu behandeln. Der Andere erscheint in mehreren Funktionen: Eine unabhängige Frage deckt blinde Flecken auf; gegenseitige Anerkennung schafft eine Relation, die Selbstbehauptung allein nicht erzeugt; Förderung kann Raum für einen fremden Weg schaffen, ohne ihn anzueignen.

Der Schwerpunkt ist verschieden. Aristoteles fragt, was ein gelingendes Leben tätig und kontinuierlich macht. SAE fragt, wie ein Urteil sich nicht selbst autorisiert und wie Ansprüche zwischen Subjekten abgerechnet werden. Ein Prüfer kann unentbehrlich und kein Freund sein. Ein Freund kann das Leben tragen und als Prüfer ungeeignet sein. Gemeinsame Gewohnheiten können sogar dieselben blinden Flecken erzeugen.

Was die Bilanz nicht zählen kann

SAE ist stark bei Rechenschaft. Es erklärt, warum Zustimmung nicht auf der Seite des Fordernden hergestellt werden kann und warum Selbstprüfung fremde Perspektive nicht ersetzt. Schwächer ist es bei der positiven Güte geteilter Zeit. Zwei Menschen kochen, gehen spazieren oder sitzen durch einen unspektakulären Nachmittag. Keine Schuld wird beglichen, kein Argument verbessert, und doch wäre das Leben ohne diese Zeit ärmer.

Aristoteles besitzt dafür ein Vokabular: zusammen leben, Rede und Denken teilen, Tätigkeit gemeinsam tragen. Ein System der Schulden und Revision kann diese Güte anerkennen. Es hat damit noch nicht erklärt, weshalb sie zum Gedeihen gehört. Eine perfekte Bilanz kann vorliegen, und der Mensch möchte trotzdem jemandem erzählen.

Selbstgenügsamkeit ohne Einsamkeit

Das Paradox entsteht aus einem falschen Modell. Bedeutet Genügsamkeit, alle Ressourcen innerhalb einer Individualgrenze zu besitzen, beweist Freundschaft Mangel. Bedeutet sie ein in sich wählenswertes Leben, können Beziehungen zu seiner Form gehören. Aristoteles’ Korrektur bleibt wichtig, auch wenn seine Annahmen über Bürgerschaft, Geschlecht und Status nicht übernommen werden dürfen.

SAE setzt eine zweite Grenze: Der Andere ist nicht wertvoll, weil mein Gedeihen durch ihn größer wird. Seine unabhängige Position beschränkt, was ich allein autorisieren kann. Das ist kein reicherer Besitz für mich, sondern eine Grenze an mir.

Der Selbstgenügsame braucht Freunde nicht, weil im Lager etwas fehlt, sondern weil menschliches Glück Tätigkeit und geteiltes Leben ist. Und selbst nach Abschluss jeder Prüfung kann ein Leben eine Stimme benötigen, die weder Evidenz noch Instrument ist—nur ein anderer Mensch, der da ist, um sie zu empfangen.

Offen bleibt, wie viele solcher Beziehungen ein Leben tragen kann und wie Ungleichheit sie verändert. Aristoteles’ Ideal setzt Zeit, Muße und einen Status voraus, der historisch vielen verweigert war. SAE kann die Ausschlüsse prüfen, besitzt aber dadurch noch keine positive Lehre gemeinsamer Freude. Auch dieser Rest sollte weder verschwiegen noch vorschnell gefüllt werden.