060 / 108 · Die Linien der Wahrheit ziehen
Spinoza: Die Mauer gab es nie
Von einer verschlossenen Tür zur sorgfältig geschliffenen Linse führt Spinoza uns zurück in die Natur. Wie können wir unsere Lage verstehen, Hilfe annehmen und dabei das eigene Urteil behalten?
I. Was ein Stück Glas verlangt
Ein Stück Glas lässt Licht hindurch und kann uns trotzdem am deutlichen Sehen hindern. Stimmt die Krümmung nicht, verformt sich der ferne Gegenstand vor unseren Augen. Das Handwerk besteht darin, geduldig am eigenen Werkstück zu arbeiten, statt von der Welt mehr Entgegenkommen zu verlangen.
Spinoza kannte diese Arbeit. Er schliff optische Linsen und tauschte sich über Fernrohre und Mikroskope aus. Der Mann, der das Universum später in geometrischer Ordnung darstellen würde, wusste: Ein Instrument wird nicht schon dadurch genau, dass sein Hersteller besonders tiefgründige Gedanken hat.
Am 27. Juli 1656 verhängte die portugiesisch-jüdische Gemeinde Amsterdams einen scharfen Bann gegen den Dreiundzwanzigjährigen. Ihre Mitglieder sollten keinen Umgang und keinen Briefwechsel mit ihm pflegen, seine Schriften nicht lesen. Für jemanden, der dort aufgewachsen war, schlossen sich damit auch ganz alltägliche Türen.
Das erhaltene Dokument überliefert die Verurteilung, aber keine vollständige Geschichte des Konflikts. Noch weniger wissen wir über sein inneres Erleben. Baruch und Benedictus bedeuten beide der Gesegnete; aus dem hebräischen und dem lateinischen Namen allein lässt sich keine abgeschlossene Geschichte seiner Loslösung gewinnen.
Er arbeitete weiter, zog um, schloss Freundschaften und schrieb Briefe. Der Verlust einer Gemeinschaft bedeutete nicht das Ende aller menschlichen Beziehungen. Freunde lasen seine Manuskripte und stellten Fragen. Nach seinem Tod sorgten Freunde dafür, dass diese Papiere einen Drucker erreichten.
Behalten wir beide Bilder: die wirklich geschlossene Tür und das Glas, das beharrliche Aufmerksamkeit verlangt. Die Natur seiner Philosophie hat kein Außen. Ihre Bewohner müssen dennoch ein Zimmer finden, ihren Lebensunterhalt sichern und jemanden kennenlernen, der bereit ist, ihnen zuzuhören.
II. Gott wohnt nicht auf der anderen Seite
Gott oder Natur: Das klingt zunächst wie ein feierliches Kompliment an Bäume und Berge. Spinozas Frage reicht tiefer. Braucht alles, was existiert, einen Herrscher außerhalb seiner selbst, der aus einem getrennten Bereich die Anweisungen für den gesamten Weltbetrieb erteilt?
Seine Antwort lautet: eine einzige unendliche Substanz. Das meint keinen ungeheuren Materialvorrat, sondern das, was in sich besteht und durch sich begriffen wird. Gott oder Natur benötigt keinen zweiten eigenständigen Bereich, in dem ein äußerer Schöpfer untergebracht wäre.
Ein Baum, ein Tisch und ein trauernder Mensch bleiben verschiedene endliche Dinge. Spinoza nennt sie Modi, mit jeweils bestimmten Beziehungen, Fähigkeiten und Lebensbedingungen. Dass sie innerhalb einer Natur bestehen, macht Holz, Möbel und menschliche Tränen nicht zu austauschbaren Erscheinungen ohne eigenen Unterschied.
Denken und Ausdehnung sind zwei Attribute, unter denen wir diese Substanz erkennen. Geist und Körper drücken denselben Menschen unter verschiedenen Attributen aus. Sie sind keine benachbarten Mieter, die Befehle durch eine Wand schicken müssen. Der Körper ist kein mangelhaftes Quartier für eine vorübergehend einziehende Seele.
Das verändert den Blick auf alltägliche Erfahrungen. Ein erschöpfter Mensch, der nicht mehr sprechen kann, zerfällt nicht in einen körperlichen Zwischenfall und sein angeblich eigentliches Ich dahinter. Doch diese philosophische Auffassung braucht Argumente. Wörter aus der Quantenphysik übernehmen die Begründung nicht für sie.
Die fehlende Mauer des Titels trennt Natur von einem äußeren Schöpfer. Gemeint ist nicht jede denkbare Grenze. Eine Linse besitzt weiterhin Oberflächen, ein Kranker benötigt Ruhe. Ihr Körper wird nicht zu meinem, nur weil beide zur selben Natur gehören.
III. Die früheren Leben wieder hereinbitten
Dieser vierte Satz führte von Homer bis Spinoza: neunzehn Leben. Unterwegs wurden scheinbar geklärte Fragen wieder schwierig. Wer darf erzählen? Was trägt unser Wissen? Kann eine Beschreibung einen Menschen ausschöpfen? Und was lassen uns die Unterscheidungen, die wir treffen, sehen oder übersehen?
Platon sucht einen verlässlicheren Maßstab als die wechselnden Dinge. Hume entdeckt Gewohnheit hinter vielen unserer festen Erwartungen. Kierkegaard erinnert daran, dass auch das schönste System im Augenblick einer wirklichen Entscheidung nicht für den Einzelnen leben kann. Die Erklärung nimmt ihm seine Existenz nicht ab.
Turing und Cantor präzisieren Grenzen bestimmter mathematischer Fragen, ohne sämtliche philosophischen Probleme zu lösen. Kopernikus verschiebt einen astronomischen Mittelpunkt. Beauvoir untersucht, wie eine gesellschaftlich auferlegte Lebensordnung schließlich so erscheinen kann, als gehöre sie zur angeborenen Natur der betreffenden Person.
Quine, Heisenberg, Nishida und Bohr verändern unterschiedliche Fragen. Sie treten nicht gemeinsam als Zeugen dafür auf, dass jede Unterscheidung falsch sei. Eine allzu ordentlich marschierende Reihe könnte gerade das unhörbar machen, was jeder von ihnen am mühsamsten zu formulieren versuchte.
Spinoza bringt eine weitere Frage mit, keinen abschließenden Urteilsspruch über die anderen: Wenn wir immer schon zur Natur gehören, weshalb stellen wir uns dann so häufig als vorübergehende Gefangene der Welt vor, die erst anderswo an ihrem eigentlichen Ort ankommen werden?
Darin liegt eine stille Kraft. Man muss seinen Körper nicht verlassen, um das eigene Leben verstehen zu dürfen. Man muss auch nicht auf einen besonderen Eingang ins Universum warten. Allerdings ist es etwas anderes, zur Welt zu gehören, als bereits alles an ihr verstanden zu haben.
IV. Ein Herzschlag in geometrischer Ordnung
Die Ethik beginnt mit Definitionen, Axiomen, Lehrsätzen und Beweisen. Wer etwas über das Leben erfahren wollte, kann sich zunächst im falschen Gebäude wähnen. Selbst Traurigkeit und Begehren scheinen Nummern erhalten zu haben und müssen nun ordentlich warten, bis sie an die Reihe kommen.
Liest man weiter, werden in den erläuternden Anmerkungen menschliche Stimmen hörbar: Menschen täuschen sich über ihre Freiheit, werden von Gefühlen mitgerissen und glauben, ihre Wünsche durch Selbstbeschimpfung loszuwerden. Die Ordnung soll verständlich machen, was uns bewegt; sie soll das Leben nicht aus dem Buch vertreiben.
Auch dem Widerspruch bietet diese Form Ansatzpunkte. Man kann einen Schluss prüfen, eine Definition bestreiten, die Tragfähigkeit eines Axioms untersuchen. Eine Philosophie nach geometrischem Muster zu schreiben verleiht nicht schon sämtlichen Voraussetzungen die Gewissheit, die man mit mathematischen Beweisen verbindet.
Das Begehren gehört ins Zentrum. Jedes Ding strebt danach, in seinem Sein zu verharren; beim Menschen umfasst dieses Streben Bewusstsein, Gefühle und Ziele. Weiterleben und handlungsfähiger werden zu wollen ist kein Gerümpel, das vor dem Einzug der Vernunft hinausgetragen werden müsste.
Spinoza verspricht auch nicht, dass ein Gefühl verschwindet, sobald man es begriffen hat. Im vierten Teil braucht es einen entgegengesetzten stärkeren Affekt, um einen Affekt zu hemmen. Eine kühl erkannte Wahrheit kann gegenüber einer Angst, die einen gerade fest im Griff hat, erstaunlich wenig ausrichten.
Denken wir an einen wütend machenden Brief. Wiederholtes Lesen verstärkt den Zorn. Mehr über die Umstände zu erfahren, mit einem vertrauten Menschen zu sprechen und die Antwort aufzuschieben kann die Lage verändern. Das ist unser Beispiel: Verstehen hilft, indem es im Leben selbst wirksam wird.
V. Freiheit unter Ursachen
Spinoza beunruhigt, weil er dem Willen keinen vollständig ursachenlosen Anfang zugesteht. Wir behaupten, selbst entschieden zu haben, und wissen dabei oft wenig über die Kräfte, die uns dorthin bewegten: Angst, Gewohnheiten, Wünsche, Bewunderung oder das Bedürfnis, einem anderen Menschen ähnlich zu sein.
Dennoch schreibt er von Freiheit. Freier wird, wer stärker aus seiner angemessen verstandenen eigenen Natur handelt und weniger von unverstandenen Ursachen bestimmt wird. Für endliche Menschen ist das eine Fähigkeit, die wachsen und schrumpfen kann, kein einmal erworbener und anschließend für immer gültiger Ausweis.
Ein gedemütigter Mensch kann anfangen zu fragen, woher seine Scham kommt. Erkennt er, wie sie erzeugt wurde, kann das Widerstand und veränderte Lebensbedingungen ermöglichen. Ursachen verstehen führt hier zum Widerspruch. Es macht aus dem, was geschehen ist, nicht automatisch etwas, das geschehen sollte.
Kant, der erst nach Spinozas Tod geboren wurde, untersucht die Bedingungen und Grenzen des Erkennens anders. Er unterscheidet Gegenstände unserer Erfahrung von Dingen unabhängig von unseren Erkenntnisbedingungen. Das ist kein buchstäblich zweistöckiges Weltgebäude, dessen Bewohner auf ewig im Erdgeschoss eingeschlossen bleiben.
Wir späteren Leser stellen die beiden nebeneinander. Spinoza antwortete keinem noch ungeborenen Philosophen. Der eine betont unsere Zugehörigkeit zur Natur, der andere prüft unsere Wissensansprüche. Die Spannung bleibt fruchtbar: Innerhalb der Welt zu leben macht nicht jede Erklärung über sie zuverlässig.
Eine bescheidenere Frage lässt sich im eigenen Leben erproben. Hilft besseres Verstehen uns zu handeln, uns weniger zu quälen und anderen weniger zu schaden? Wenn eine Erklärung bloß zur Unterwerfung unter Demütigungen überredet, verdient ihre Ruhe Misstrauen. Stillhalten allein beweist noch keine Freiheit.
VI. Unabhängigkeit hat Freunde
Das Linsenschleifen gab Spinoza ein Handwerk und einen Platz im damaligen Austausch über Optik. Briefe, praktische Fragen und Urteile über seine Arbeit zeigen einen Beteiligten am Wissen. Sein Arbeitszimmer war mit anderen Zimmern verbunden, mit anderen Händen und anderen Gedanken.
1673 lehnte er einen Ruf nach Heidelberg ab. Im Brief an Fabritius nennt er konkrete Bedenken: Der Unterricht würde seine Forschung unterbrechen; die zugesagte Freiheit des Philosophierens habe unklare Grenzen, sobald die etablierte Religion betroffen sei. Er prüfte Bedingungen, statt unterschiedslos jede Institution abzulehnen.
Er hatte Freunde und Förderer und nahm finanzielle Unterstützung an. Unabhängigkeit bedeutet nicht unbedingt, niemals etwas von jemandem zu erhalten. Entscheidend ist eher, ob die Hilfe die Preisgabe des eigenen Urteils verlangt. Hilfe ohne diese Forderung kann ein unabhängiges Leben überhaupt erst materiell ermöglichen.
Marie Curie bietet hier einen anderen Vergleich: Denken und Experimentieren müssen von endlichen Körpern geleistet werden. Geräte, Materialien, Wohnung und Pflege sind keine unbedeutenden Nebensachen rund um die große Leistung. Wenn der Körper nicht mehr weitermachen kann, kommt auch die Arbeit zum Stillstand.
Spinoza starb mit vierundvierzig Jahren an einer Lungenerkrankung. Schleifstaub könnte sie verschlimmert haben; daraus folgt keine sichere nachträgliche Diagnose. Seinen Tod zum notwendigen Kaufpreis der Freiheit zu erklären macht leicht die Fürsorge, die er verdient hätte, zum störenden Hindernis einer Heldengeschichte.
Er konnte sein Denken verteidigen und Hilfe benötigen, einen Lehrstuhl ablehnen und die Unterstützung eines Freundes annehmen. Unabhängigkeit berührt manchmal gerade dort, wo Beziehungen das Empfangen ermöglichen, ohne dass der Empfänger sich selbst als Gegenleistung ausliefern muss. Niemandem etwas zu verdanken wäre ein anderes Ideal.
VII. Wie ein Buch das Zimmer verlässt
Spinoza schrieb nicht fünfzehn schweigsame Jahre lang an seinem einzigen Buch. 1663 erschien seine Darstellung von Descartes' Prinzipien der Philosophie unter eigenem Namen. 1670 löste der anonyme Theologisch-politische Traktat eine heftige Auseinandersetzung über Schrift, Religion und Freiheit des Denkens aus.
Schreiben ist hier öffentliches Handeln. Wer legt einen heiligen Text aus? Wer verlangt im Namen des Glaubens Gehorsam? Kann der Staat vorschreiben, was Menschen denken? Solche Fragen verlassen die Buchseiten und greifen in die Beziehungen zwischen Bürgern, religiöser Autorität und politischer Macht ein.
Währenddessen lasen und diskutierten Freunde die Ethik. Fragen verlangten nach Erläuterungen; Briefe verbanden das scheinbar abgeschlossene System mit bestimmten Lesern. Angesichts der fertigen, geordneten Lehrsätze vergisst man leicht, dass auch diese Sätze einmal unfertig waren und weiterbearbeitet werden mussten.
Am 21. Februar 1677 starb Spinoza in Den Haag. Danach veröffentlichten seine Freunde die nachgelassenen Schriften einschließlich der Ethik in einem auf 1677 datierten Band. Lebende Menschen stellten die Verbindung zu seinen künftigen Lesern her. Auch Freundschaft brachte das Buch aus dem Zimmer hinaus.
Die Behörden Hollands verboten die Sammlung 1678. Das Verbot versetzte Spinozas Denken nicht in einen zweihundertjährigen Schlaf. Es wurde weiter verbreitet, bekämpft und diskutiert, gelangte später in den Pantheismusstreit und wurde von Goethe, Hegel und vielen anderen ernsthaft aufgenommen.
Ein Autor beherrscht diese Zukunft nicht. Es kann zu Missverständnissen kommen, aber auch zu unverhofften neuen Lesarten. Ein Linsenmacher legt nicht fest, was jedes spätere Auge betrachten soll. Er kann versuchen, etwas weiterzugeben, das dem Gebrauch und einer sorgfältigen Prüfung standhält.
VIII. Die Linse wieder aufnehmen
Zurück zum Glas. Es zu verbessern heißt nicht, immer mehr Welt hineinzupacken. Was das Sehen behindert, wird geduldig bearbeitet. Das Handwerk kann uns ein Bild für Spinozas Philosophie geben, ohne sie zu einem Instrument zu erklären, das niemals verzerrt.
Eine Linse hat einen Zweck und Grenzen. Falsch eingesetzt, oder benutzt von jemandem, der Unschärfe für eine Eigenschaft des Gegenstands hält, kann sie täuschen. Der Argumentation der Ethik zu folgen verlangt nicht, ihrem Verfasser die dauerhafte Verwahrung unseres eigenen Urteils anzuvertrauen.
Ein Teil ihrer Anziehung liegt darin, vermeintlich beschämende Erfahrungen in eine verständliche Natur zurückzuholen. Angst, Eifersucht, Abhängigkeit und Wut haben Ursachen. Niemand muss zuerst so tun, als habe er all das überwunden, bevor er lernen darf, mit seinem Leben umzugehen.
Die Ursachen zu verstehen lässt die Frage nach der Richtung offen. Lebensbedingungen können Denken, Zusammenarbeit und Handeln fördern, aber auch Angst und Abhängigkeit vertiefen. Dass beides in der Natur geschieht, macht die Folgen für die betroffenen Menschen nicht gleichermaßen gut.
Einheit darf kein Wort werden, das groß genug ist, alle Einzelnen zu verschlucken. Einer wurde ausgeschlossen, ein anderer bewahrte seine Papiere, jemand verweigerte sich einer Verletzung. Bleiben diese Unterschiede unsichtbar, behalten wir die Weite des Systems und verlieren seinen Verfasser ebenso wie seine Leser.
Der vierte Satz endet nicht mit einer von allen Denkern unterschriebenen Antwort. Stellen wir uns einen Tisch mit mehreren Werkzeugen vor. Eines mag einen Lebensbereich klarer erkennen lassen. Anschließend sollten wir fragen, wen sein Gebrauch vielleicht trotzdem aus unserem Blickfeld verdrängt hat.
IX. Ein Platz auf der Brücke
Kehren wir zuletzt zur erfundenen Brücke dieser Essays zurück. Spinoza kommt mit einer Linse, eingewickelt in ein weiches Tuch. Er hält sie nicht allen vor das Gesicht und erklärt auch nicht, künftig sei nur noch eine einzige Art des Sehens erlaubt.
Homers Stimmen wandern durch die Versammlung. Platon sucht weiter nach verlässlichen Maßstäben; Hume hört zu, bevor er zum Backgammon zurückkehrt. Tschechow bemerkt jemanden, der zu lange gestanden hat, und bringt einen Stuhl. Verschiedene Menschen tun weiterhin verschiedene Dinge.
Beauvoir rückt ihren Spiegel zur Seite. Bohr legt den ungesendeten Brief neben sich. Turing braucht keine umstrittene Geschichte seines Todes als Ausweis vorzulegen; Cantor muss nicht jedes Unendliche erklären, ehe er sich setzen darf. Niemand wird auf ein einziges Etikett reduziert.
Spinoza setzt sich. Sein Platz ist nicht mit jedem anderen gleichzusetzen: Nimmt man den Stuhl weg und lässt einen Erschöpften stehen, macht das für ihn einen Unterschied. Die Zugehörigkeit zu einer Natur löscht den Unterschied zwischen Fürsorge und Übersehenwerden nicht aus.
Er legt die Linse neben das Buch, das seine Freunde bewahrt haben. Ein Gedanke kann sehr weit reisen. Der Denkende braucht weiterhin Luft, Nahrung und ein Dach, vielleicht jemanden, der bereit ist, einen Papierstapel zum Drucker zu tragen.
„Die Mauer gab es nie“ muss nicht zu einem riesigen Befehl anwachsen. Hier kann der Satz sanfter sein: Du bist kein Abfall außerhalb der Natur; deine Verwirrung beweist nicht, dass du deinen Platz verwirkt hast. Bleib einen Augenblick und schau, wie du hierhergekommen bist.
Widerspruch bleibt möglich. Eine Definition darf angezweifelt, eine Vereinbarung abgelehnt, einem anderen der Ausgang offengehalten werden. Ein Verständnis, das Menschen aufnehmen kann, sollte ihre Unterschiede deutlicher machen, statt sie in einem einzigen schönen Satz aufzulösen.
Der vierte Satz, neunzehn Leben, hält hier inne. Die Linse bleibt auf dem Tisch. Für den nächsten Menschen ist weiterhin Platz, und er darf noch immer mit seinen eigenen Augen sehen.
Lesehinweise und Quellen
Dieses Porträt vereinigt unterschiedliche Denker nicht zu einer einzigen These. Die fehlende Mauer betrifft Spinozas immanentes Verhältnis von Gott und Natur, nicht die Aufhebung endlicher Individuen, ihrer Unterschiede oder Verantwortung. Siehe Ethik I zu Substanz, Attributen und Modi; II, Lehrsatz 7 zu Geist und Körper; III, Lehrsätze 6–9 zu Streben und Begehren; IV, Lehrsatz 7 und weitere Stellen zur Macht der Affekte. Die Vergleiche mit Kant, Curie und früheren Porträts sind Deutungen des Essayisten, keine historischen Gespräche oder physikalischen Beweise. Die abschließende Brückenszene ist ausdrücklich erfunden.
Den Bann von 1656 verhängte die portugiesisch-jüdische Gemeinde Amsterdams; das Dokument überliefert nicht den vollständigen Konflikt. Brief 48 erklärt die Absage nach Heidelberg 1673. Frühe Biografie und Publikationsforschung dokumentieren Unterstützung und Manuskriptvermittlung. Staub als Verschlimmerung einer Lungenerkrankung bleibt eine Möglichkeit, keine gesicherte Diagnose. Der Nachlassband trägt die Jahreszahl 1677; Spinoza Web datiert die tatsächliche Ausgabe auf Anfang 1678, das Verbot erfolgte ebenfalls 1678. Der Text beschließt den heutigen vierten Satz: neunzehn Leben von Homer (042) bis Spinoza (060).
Spinoza, Ethik I: Substanz, Attribute, Modi und immanente Ursache · Spinoza, Ethik II: Geist, Körper und Erkenntnisarten · Spinoza, Ethik III: Streben, Begehren und Affekte · Spinoza, Ethik IV: menschliche Knechtschaft und Macht der Affekte · Spinoza, Ethik V: Verstehen und menschliche Freiheit · Spinoza an Fabritius, Brief 48 vom 30. März 1673: Absage nach Heidelberg · Stadtarchiv Amsterdam: Spinozas Bann vom 27. Juli 1656 · Colerus’ frühe Spinoza-Biografie: Unterstützung, Briefe und Manuskripte · Spinoza Web: Bibliografie, Publikationsgeschichte und Verbot von 1678 · Steven Nadler: Spinoza als Ketzer und Linsenschleifer — historische Untersuchung
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。