Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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045 / 108 · Die Linien der Wahrheit ziehen

Schopenhauer: Hinter dem Vorhang ist etwas

Vom schwach besuchten Hörsaal zum Pendel des Begehrens, zu Kunst, Mitleid und dem Hund: Leiden erkennen und dem Leben neben sich antworten.

I. Zur selben Stunde

1820 erhält der zweiunddreißigjährige Schopenhauer die Erlaubnis, an der Berliner Universität zu lehren. Seine Vorlesung setzt er zur Zeit von Hegels Hauptkolleg an. Das wirkt weniger wie der vorsichtige Plan eines Anfängers als wie eine Herausforderung im Stundenplan.

Es kommen wenige Hörer, nicht überhaupt keine. Auch endet damit nicht jeder Versuch, an der Universität Fuß zu fassen. Einige Jahre später kehrt er nach Berlin zurück und versucht es erneut, ohne die erhoffte Laufbahn als akademischer Lehrer aufzubauen.

Die Beschämung lässt sich vorstellen: Man ist überzeugt, Wichtiges zu sagen zu haben, und die Studenten gehen in einen anderen Raum. Doch eine Vorstellung erklärt nicht sämtliche Beweggründe. Seine späteren Angriffe auf Hegel lassen sich nicht vollständig aus dieser einen Kränkung ableiten.

Sie sind scharf und halten lange an. Ihre Lautstärke entscheidet nichts über ihre Berechtigung. Fehlender Zuspruch beweist keinen Irrtum; das Gefühl, verkannt zu sein, beweist ebenso wenig überlegene Einsicht. Beide Abkürzungen ersparen uns die Auseinandersetzung mit den Gedanken.

Hinter den Beschimpfungen liegt eine Frage, bei der sich das Bleiben lohnt. Wenn wir die Welt großartig und vernünftig erklärt haben, haben wir dann auch ihren Hunger, ihren Streit und ihren Schmerz erklärt? Wo bleibt der Mensch, der gerade leidet?

Schopenhauer vermutet einen Antrieb, der schon vor unseren Gründen wirksam ist. Auch sein eigener schlecht besuchter Hörsaal bildet keine Ausnahme. Er möchte uns vom Getriebensein durch Wünsche lösen. Zugleich möchte er unbedingt gehört werden.

II. Wie uns Welt begegnet

Sein Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung, erscheint um den Jahreswechsel 1818/1819; auf dem Titelblatt steht 1819. Der Absatz enttäuscht. Der spätere Rang des Buches darf nicht rückwirkend auf den Schreibtisch seines jungen Verfassers übertragen werden.

Der erste Satz lautet: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Damit ist nicht einfach gemeint, alles sei eingebildet oder ein Tisch verschwinde nach Belieben, sobald ich die Augen schließe. Es geht darum, wie eine Welt überhaupt für ein erkennendes Subjekt da ist.

Es gibt Wahrgenommenes und jemanden, der wahrnimmt. Raum, Zeit und Kausalität machen Gegenstände und Ereignisse als zusammenhängende Erfahrung verständlich. Wir können nicht zunächst alle Bedingungen des Erkennens verlassen und anschließend von außerhalb kontrollieren, ob unsere Erkenntnis stimmt.

Hier folgt Schopenhauer Kant. Doch Kant lässt sich nicht auf einen Vorhang mit der Aufschrift „Nicht weiterfragen“ reduzieren. Er untersucht Reichweite und Grenzen möglicher Erkenntnis. Dass eine Wissensbehauptung ihre Befugnisse überschreitet, verbietet nicht jedes weitere Nachdenken.

Schopenhauer sucht dennoch einen anderen Zugang. Wir sind nicht bloß Augen vor einer Szenerie. Wir gehören zu dem, was wir betrachten. Vielleicht kennen wir wenigstens eine Stelle nicht ausschließlich aus der Außenperspektive eines Beobachters.

Diese Stelle ist der Körper. Wenn Sie ein Glas heben, ist die Hand nicht nur ein bewegter Gegenstand im Gesichtsfeld. Es ist zugleich Ihre Handlung. Der Unterschied ist so alltäglich, dass man leicht an ihm vorbeigeht.

III. Die Hand greift nach dem Glas

Von außen hebt sich ein Arm, Finger schließen sich, das Glas verlässt den Tisch. Von innen erfahren Sie Ihr Greifen, um zu trinken. Für Schopenhauer sind das nicht zwei ursächlich verbundene Vorgänge, sondern ein und derselbe Akt, auf zweierlei Weise bekannt.

Das ist kein neurowissenschaftliches Experiment, bei dem ein Muskel dem bewussten Entschluss um Millisekunden zuvorkommt. Er untersucht nicht das Wettrennen zwischen Gedanke und Nervensignal, sondern unsere zweifache Kenntnis körperlichen Handelns. Von hier nimmt sein Argument seinen Ausgang.

Das innerlich Bekannte nennt er Wille und macht dann einen gewaltigen Schritt: Es wird zum Schlüssel für das innere Wesen der Welt. Pflanzenwachstum, Tiere und Naturkräfte treten in dieselbe Deutung ein. Das ist eine metaphysische Erweiterung, keine Messung des Weltgrundes am eigenen Puls.

Wille bedeutet hier nicht bloß persönliche Entschlossenheit. Einzelne Handlungen können Ziele haben; der zugrunde liegende Wille besitzt kein abschließendes Ziel, dessen Erreichen alles Streben dauerhaft beruhigen würde. Dahinter steht kein vernünftiger Baumeister mit einem fertigen Gesamtplan.

Ein hungriges Tier ist dafür ein starkes Bild. Es bleibt unser Bild, kein unter dem Universum entdeckter Organismus. Man kann sich in der Diagnose wiedererkennen und dennoch fragen, ob der Übergang vom eigenen Wollen zum Wesen aller Dinge gerechtfertigt ist.

Schopenhauer lässt sich auch deshalb schwer abtun, weil wir eine Erfahrung wiedererkennen: Während wir unsere Gründe noch vorzüglich ordnen, haben Körper und Gefühle längst verraten, was wir wollen. Die Erklärung hat den Wunsch nicht erst geschaffen.

IV. Und dann?

Etwas lange Ersehntes zu bekommen, kann wirklich glücklich machen. Schopenhauer lauscht auf die Stimme, die allzu bald danach zurückkehrt: Und jetzt? Der Gegenstand ist angekommen, aber das Wünschen hat seinen Dienst nicht eingestellt.

Vorher tut der Mangel weh; nachher hält die Befriedigung nicht unbedingt an. Ein neues Ziel tritt hervor, oder gerade weil nichts fehlt, stellt sich Langeweile ein. Das Pendel schwingt zwischen Schmerz und Langeweile, ohne auf einer Seite endgültig zur Ruhe zu kommen.

Heutige Leser können eigene Einzelheiten einsetzen: auf eine Antwort warten, um Anerkennung kämpfen, einen Kauf tätigen, der das Leben verändern soll. Eine Wartezeit endet. Die Fähigkeit, unruhig zu warten, bleibt und sucht sich ein neues Gegenüber.

Das Bild trifft eine menschliche Lage, muss aber nicht jedes Leben abschließend beurteilen. Jemanden versorgen, ein Handwerk lernen, einen gewöhnlichen Nachmittag miteinander verbringen: Ihr Wert verschwindet nicht deshalb, weil sie keine ewige Zufriedenheit herstellen.

Eine Freude, die endet, ist nicht schon Täuschung. Dass das Wünschen keinen letzten Bahnhof hat, macht auch nicht jeden Wunsch zerstörerisch. Hier liegt mein Vorbehalt: Eine tiefe Diagnose kann den beleuchteten Ausschnitt noch immer für das Ganze halten.

Im vorigen Essay verlässt Hume seinen Schreibtisch, isst, spielt Backgammon und kehrt zum Denken zurück. Schopenhauer fragt nach dem Wollen, das nach dem Essen wieder beginnt. Man muss daraus keinen Gegensatz zwischen Sehenden und Wegschauenden machen. Ihre Aufmerksamkeit gilt unterschiedlichen Schwierigkeiten.

V. Mehr als eine kurze Ablenkung

Seine erste Antwort führt zur Kunst. Beim Hören einer Musik oder vor einem Bild fragen wir vielleicht eine Weile nicht: Was nützt mir das, welchen Vorteil gewinne ich, was kann ich davon in meinen Besitz bringen?

Es geht nicht lediglich um gute Laune. Die Aufmerksamkeit soll nicht länger vom persönlichen Interesse beherrscht sein; das Betrachtete ist kein bloßes Mittel des Begehrens mehr. Musik erhält dabei eine besondere Stellung: als Ausdruck des Willens selbst, nicht lediglich als Abbildung äußerer Gegenstände.

Das lässt sich neben Nishida lesen, aber nicht damit gleichsetzen. Schopenhauer beschreibt die ästhetische Betrachtung weiterhin über ein reines erkennendes Subjekt und dessen Gegenstand. Nishidas Untersuchung setzt anders an. Ähnliche Erfahrungen ergeben nicht von selbst dieselbe philosophische Erklärung.

Die Musik endet. Die Arbeit wartet, das Wünschen kann zurückkommen. Kunst hat das Leben nicht auf Dauer repariert. Dennoch kann ein Augenblick des Sehens ohne Besitzanspruch zeigen, dass Verfolgen und Erwerben nicht unsere einzigen Beziehungen zu Dingen sind.

Seine Ethik enthält außerdem etwas, das in einer Erzählung nur von Kunst und Verzicht fehlt: Mitleid. Fremder Schmerz muss nicht erst mein Verlust werden, um mich anzugehen. Diese Antwort jenseits ausschließlichen Eigennutzes steht für ihn im Zentrum der Moral; sie reicht auch zu Tieren.

Vor Ihnen fällt jemand hin. Sie reichen die Hand, ohne zunächst eine spätere Gegenleistung zu berechnen oder das Universum fertig zu erklären. Das veranschaulicht seine ethische Frage, beweist aber keine Reinheit aller hilfreichen Motive. Schmerz ist jedenfalls nicht mehr bloß mein eigenes Problem.

Schopenhauer beschreibt auch Askese und die Verneinung des Willens. Das ist keine schnelle Technik, bei der man nur oft genug erklärt, nichts mehr zu wollen. Ebenso wenig wird sie hier als Aufforderung empfohlen, nicht weiterzuleben. Ob die beschriebene Wandlung überzeugt, bleibt eine ernste philosophische Frage.

Er ist also nicht nur ein Zuschauer, der vor dem Ungeheuer seufzt. Ästhetische Entlastung, Mitleid und die Suche nach Erlösung haben verschiedene Aufgaben. Gerade das Mitleid führt von der eigenen Bedrängnis wieder zu einem anderen Wesen zurück.

VI. Schmerz wird nicht von selbst vernünftig

Zurück zu Hegel. Verkürzt man ihn auf These, Antithese, Synthese und eine Verbesserung bei jedem Schritt, gewinnt Schopenhauer zu billig. Dialektik ist kein Dreikästchenschema und keine Empfehlung, jede Katastrophe willkommen zu heißen.

Der Gegensatz reicht trotzdem tief. Hegel misst der geschichtlichen Entwicklung von Vernunft und Freiheit entscheidende Bedeutung bei. Schopenhauer misstraut der Annahme, ein Wechsel der Kulissen bedeute notwendig einen Aufstieg aus Begehren und Leiden.

Ein Krieg endet, eine neue Generation wird mobilisiert. Jemand gewinnt Macht und fürchtet nun, sie zu verlieren. Schopenhauer lenkt den Blick auf Wiederholung im Wandel. Dass die Geschichte weitergeschrieben wird, belegt noch keine Verbesserung des Lebens.

An dieser Warnung möchte ich festhalten. Man kann Leidenden nicht sagen, ihr Schmerz sei eine notwendige Ausgabe der Geschichte, und dann die Bücher schließen. Eine Erklärung, die Leiden im Ganzen unterbringt, antwortet nicht unbedingt demjenigen, der es ertragen muss.

Aber die Ablehnung automatischen Fortschritts verlangt nicht, jede Verbesserung abzustreiten. Weniger Demütigung, eine Möglichkeit zum Einspruch, eine Einrichtung, die Schaden mindert: Das zählt auch ohne endgültige Heilung der Menschheit. Unvollständig ist nicht gleich bedeutungslos.

Wir müssen nicht zwischen „Alles Leiden ist gerechtfertigt“ und „Keine Anstrengung hat Wert“ wählen. Beides spricht zu schnell für die Betroffenen. Verbesserungen brauchen konkrete Belege; menschlicher Schmerz darf nicht bloß als Zeuge zugunsten eines Systems aufgerufen werden.

VII. Nicht derselbe Keller

Dass der Intellekt oft dem Wollen dient, erinnert an Freud. Der Vergleich kann helfen. Wir finden nicht immer zuerst die Gründe und entdecken anschließend unsere Wünsche. Manchmal wartet der Wunsch bereits, während seine Erklärung noch unterwegs ist.

Doch Schopenhauers Weltwille ist nicht Freuds Unbewusstes. Der eine gehört zur Deutung des inneren Wesens der Wirklichkeit; das andere betrifft in der Psychoanalyse Konflikte, Verdrängung, Träume und Symptome. Durch das Austauschen von Begriffen werden die Vorhaben nicht identisch.

Auch die Einflusslinie ist weniger geradlinig. In seiner Selbstdarstellung von 1925 erkennt Freud Ähnlichkeiten an, erklärt aber, Schopenhauer erst spät gelesen zu haben und die Übereinstimmungen nicht darauf zurückzuführen. Das ist sein eigener Bericht, kein endgültiger Abschluss der Wirkungsgeschichte.

Der Keller darf als Bild dieses Essays bleiben: Bewusst verfügbare Erklärungen müssen nicht alles erfassen, was uns antreibt. Damit ist weder bewiesen, dass vernünftiges Handeln insgesamt fiktiv sei, noch dass jeder Grund erst nachträglich erfunden werde.

Ebenso wenig steht einer, der bloß zuschaut, einem gegenüber, der sicher heilt. Schopenhauer verfolgt auch ethische Fragen; psychoanalytische Deutungen und Behandlungserfolge verlangen ihre eigene Prüfung. Eine Lampe im metaphorischen Keller beweist noch nicht, wie weit man tatsächlich sehen kann.

Eine kleinere Frage hilft vielleicht mehr: Wenn ich erkläre, das sei nur zu deinem Besten, schütze ich damit auch meine Kontrolle? Gemischte Motive müssen Handeln nicht lähmen. Sie fordern dazu auf zu prüfen, ob andere einen Wunsch tragen sollen, den wir selbst noch nicht eingestanden haben.

VIII. Zwischen Buch und Leben

Schopenhauer nimmt indisches Denken ernst, liest die Upanishaden in Übersetzung und beschäftigt sich mit dem Buddhismus. In seinem europäischen Umfeld ist das bedeutsam. Es braucht nicht die unhaltbare Auszeichnung, er sei der erste westliche Philosoph gewesen, der den Osten ernst nahm.

Buddhismus ist nicht seine Willenslehre mit neuen Namen. Die Beschäftigung mit Begehren, Leiden und dessen Erlöschen kann seine Fragen erhellen, ohne denselben metaphysischen Grund zu besitzen. Rūpa, körperliche Form, bedeutet nicht einfach, die gesamte Welt sei Illusion.

Der frühe buddhistische mittlere Weg weist sowohl Sinnengenuss als Selbstquälerei als Extreme zurück. Übung heißt nicht, unterschiedslos jedes Streben abzuwürgen. Lernen, Fürsorge und ernsthaftes Bemühen sind nicht schon deshalb fesselndes Begehren, weil darin Absicht liegt.

Wie lebte Schopenhauer selbst? Er folgte nicht dem von ihm beschriebenen Weg des Heiligen. In Frankfurt schrieb er, ging spazieren, hörte Musik und legte auch Wert auf Bequemlichkeit und Anerkennung. Der Denker des Begehrens begehrte weiter. Der Abstand zwischen Lehre und Leben bleibt sichtbar.

Schwerer wiegt eine körperliche Auseinandersetzung mit einer Berliner Nachbarin, die zu einer langfristigen Zahlungsverpflichtung führte. Was im Lebenslauf zur Episode wird, war im Leben eines anderen Menschen eine Verletzung. Temperament verwandelt Schaden nicht in liebenswerte Eigenart; Einsicht erteilt keinen Freispruch.

Sein Scheitern an einem Ideal beweist jedoch nicht, dass niemand es verwirklichen könnte. Sein Komfort macht fremdes Leid nicht unwirklich und ihn nicht ehrlicher als den Buddha. Würde jedes persönliche Versagen zum Sieg der Theorie, könnte diese niemals mehr angefochten werden.

Ich ziehe einen Schluss vor, der ihn weder entschuldigt noch heiligspricht. Leiden tief zu verstehen und den Menschen vor einem besser zu behandeln, bleiben verschiedene Aufgaben. Er hat über Mitleid geschrieben. Dessen Anspruch muss auch seinen Autor erreichen dürfen.

IX. Der Hund schaut woandershin

Schopenhauer stirbt am 21. September 1860 in Frankfurt, zweiundsiebzig Jahre alt. Die späte Anerkennung ist da. Als 1851 die Parerga und Paralipomena erscheinen, ist er dreiundsechzig, nicht bereits über siebzig und gerade erstmals öffentlich wahrgenommen.

Seine Leserschaft wächst in Philosophie, Literatur und Musik. Nietzsche, Wagner und andere geben den Büchern Fortsetzungen, die ihr Verfasser nicht planen konnte. Trotzdem kennt nicht buchstäblich ganz Europa seinen Namen. Später Ruhm besetzt frühere leere Stühle nicht nachträglich.

Er hatte Pudel. Ein Hund gehört zu den Spaziergängen und Gewohnheiten eines Alleinlebenden, ohne dessen Philosophie verstehen zu müssen. Tierliebe gehört ins Bild; sie gleicht Probleme oder Verletzungen im Umgang mit Menschen nicht automatisch aus.

Nun betreten wir die erfundene Brücke dieser Reihe, keine historische Szene. Schopenhauer kommt und schaut sogleich unter die Bohlen, als sei dort etwas unaufhörlich in Bewegung. Ihn interessiert weniger der Ausblick als das, was ihn trägt.

Er warnt die anderen: Bewundert nicht nur eure wohlgefügten Gründe. Rivalität, Besitzwünsche und Verlustangst haben die Richtung vielleicht schon vorher bestimmt. Die Zuhörer können das ernst nehmen, ohne zu glauben, mit dem Wort Wille sei nun alles erklärt.

Hume stellt sein Backgammonbrett hin und bietet ihm einen Platz an. Schopenhauer antwortet nicht sofort. Er will noch weiter hinuntersehen und die sicher Voranschreitenden daran erinnern, dass der Boden nicht so fest ist, wie sie meinen.

Der Hund schaut nicht unter die Brücke. Er schaut ihn an.

In dieser von mir vorgestellten Pause wird die Frage kleiner und näher. Nicht: Hat die Welt einen endgültigen Ausgang? Sondern: Was braucht dieses von ihm abhängige Leben jetzt? Wasser, einen Spaziergang, einen Blick, der aus großer Ferne zurückkehrt?

Etwas darunter zu sehen ist seine Stärke. Was immer dort liegt, das Leben neben ihm wird dadurch nicht nebensächlich. Er muss nicht erst den ganzen Willen besiegen, bevor er die Hand senkt und auf dieses Warten antwortet.

Lesehinweise und Quellen

Das Titelblatt der Erstausgabe des Hauptwerks nennt 1819; die Veröffentlichung wird gewöhnlich 1818/1819 datiert. Bei Erscheinen der Parerga 1851 war der Autor 63. Zur Biografie: Zeittafel der Schopenhauer-Gesellschaft. Zum Körper: Welt I, §§18–23; zur Kunst und Musik: §§34, 38, 52; zum Pendel: §57; zu Mitleid und Verneinung: §§66–69 sowie Über die Grundlage der Moral.

Freuds Angaben zur späten Lektüre stehen in seiner Selbstdarstellung von 1925, V, und werden als Selbstbericht behandelt. Zum Buddhismus: SN 56.11 und SN 22.59. Mittlerer Weg bedeutet nicht unterschiedslose Unterdrückung aller Absichten; körperliche Form ist kein bloßes Synonym für Illusion.

Auseinandersetzung und Zahlungen sind nach Beers Biografie zusammengefasst, nicht aus neu eingesehenen Gerichtsakten. Zum Hund wurde die Frankfurter Stadtseite herangezogen. Treppendetails, pauschale Namensbehauptungen und ein minutengenaues Sterbebild entfallen. Die Vergleiche sind Deutungen des Essays; die abschließende Brückenszene ist erfunden.

Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Band I · Schopenhauer: Über die Grundlage der Moral · Schopenhauer-Gesellschaft: Zeittafel · Margrieta Beer: Schopenhauer (1914), Biografie · Freud: Selbstdarstellung (1925), V · SN 56.11: Mittlerer Weg und vier edle Wahrheiten · SN 22.59: Körperliche Form und Nicht-Selbst · Stadt Frankfurt: Ein urbanes Hundeleben

Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。