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Non Dubito

Eine Philosophie der Liebe · 06

Einander lieben macht aus zwei Menschen nicht einen

In einer Winternacht spricht sie vom Fortgehen, er von einem lange verschobenen Vorhaben. Keiner spricht für den anderen zu Ende. Eine solche Begegnung kann geschehen. Sie ist kein Gutschein für alle folgenden Male.

Han Qin ·

Ein anderes Paar ist sieben Jahre zusammen. In einer Winternacht erzählt sie von einer dreijährigen Stelle anderswo. Sie möchte hin. Er fragt nicht sofort: „Was wird dann aus uns?“ Er fragt: „Möchtest du diese Arbeit tun oder möchtest du die jetzige verlassen?“ Nach einer Weile sagt sie: „Beides, das Erste etwas mehr.“

Später fragt auch sie: „Das Vorhaben, von dem du seit Jahren nicht mehr gesprochen hast – willst du es noch machen?“ Er sagt: „Ja, nur weiß ich noch nicht wie.“ Keiner vollendet den Satz des anderen stellvertretend. Danach sehen sie einander an und lächeln.

Das ist nicht deshalb lesenswert, weil endlich ein gemeinsamer Plan feststeht. Sie will weiter fort, er hat weiter sein Vorhaben. Auch ist kein Beweis ewiger Passung gefunden. Nur dieses Mal macht er ihre Zusage zu bleiben nicht zur Bedingung des Zuhörens. Sie verlangt ebenso wenig seine Zustimmung, bevor sie seine Seite sehen möchte.

Der vorige Essay betrachtet von einer Seite: gerade dieser Mensch, dessen Leben sein eigenes bleibt, ohne zuerst die gleiche Liebe zurückzuverlangen. Hier begegnen sich zwei solche Arten zu lieben in einem Augenblick. Sie werden dadurch nicht für immer eins. Treffen sie nicht zusammen, verfällt auch nicht rückwirkend die bereits vorhandene Liebe jedes Einzelnen.

Mein Geben ist keine Rechnung an dich

Er fragt zuerst, sie später. Gewöhnliche Reihenfolge wird leicht zur heimlichen Buchführung: „Ich habe zuerst nach dir gefragt, jetzt bist du dran.“ Eine so erhaltene Frage kann eine nach Plan erledigte Antwort sein, nicht das hier betrachtete Zusammentreffen zweier eigenständiger Arten zu lieben.

Ihre spätere Frage kann von seiner angeregt worden sein. Dennoch sieht sie sein Vorhaben selbst neu. Wer zuerst handelt, erwirbt kein zusätzliches Forderungsrecht; wer später handelt, schuldet kein Gegengeschenk. Die Begegnung wartet darauf, dass auch der spätere Anteil von der betreffenden Person selbst kommt. Der Erste kann nicht beide Seiten ausrechnen.

Damit verschwinden weder Austausch noch Fürsorge oder Planung aus dem Leben von Paaren. Einkaufen, Abwasch und geteilte Kosten bleiben verabredbar. Geschenkzahl und geleistete Arbeit beglaubigen aber nicht allein diese Begegnung. Zu unterscheiden sind tragende Arrangements und der Satz „Ich liebe dich, also musst du mich lieben“, der Liebe als Forderung aufschreibt.

Wenn eine Seite nicht liebt oder dem anderen sein eigenes Leben nicht lässt, kann die andere Seite den Augenblick nicht durch stärkeres Lieben ergänzen. Das setzt einseitige Liebe nicht herab; es erfindet nur keine fehlende Erwiderung. Auch beiderseitige Ausschließlichkeitsbekenntnisse brauchen weitere Betrachtung: eigene Entscheidung, Tausch oder Verlustangst? Ausschließlichkeit bezeugt wechselseitige Anerkennung nicht von selbst.

Manche möchten vor dem Einschlafen täglich „Ich liebe dich auch“ hören. Eine solche Abrede ist nicht schlecht und schließt eine wirkliche Begegnung in einem abendlichen Satz nicht aus. Das verabredet gesprochene Wort garantiert jedoch höchstens, dass es gesprochen wurde. Das innere Geschehen des anderen garantiert es nicht mit.

Deshalb bleibt Hoffnung von Vorschrift getrennt. Sie hofft vor dem Gespräch, er werde sie nicht sofort zum Bleiben überreden. Diese Hoffnung macht den Winteraugenblick nicht unecht. Den Weg besetzt erst die eigene Erwartung, wenn sie festlegt, wie es in ihm aussehen muss, und keine andere Antwort zulässt. Sie darf hoffen. Er darf anders als erhofft antworten.

Auch „Ich zweifle nicht an deiner Liebe“ kann zweierlei sagen. Einmal: „Ich rechne sicher damit, dass du wiederkommst und meinen Gewohnheiten folgst.“ Ein andermal: „Was in dir geschieht, gehört dir; ich nehme es nicht für dich in Anspruch.“ Die erste Gewissheit kann jede andere Aussage verbieten. Die Begegnung hier beruht dagegen nicht auf Vorhersagen über den nächsten Schritt eines Menschen.

Dieser Augenblick verbürgt den nächsten nicht

Danach bucht sie weiter die Fahrt, er geht weiter zur Arbeit. Kein neu entstandenes gemeinsames Lebewesen trägt für beide die Folgen des Gehens oder Bleibens. Die Begegnung kann jeden an einer Frage des anderen wachsen lassen. Das Gewachsene bleibt jeweils das Eigene, kein von einem für den anderen fertig geschriebenes Leben.

Manche erleben in Liebe das Auflösen von Grenzen, als würden zwei eins. Die Beteiligten dürfen diese Erfahrung erzählen; hier muss sie nicht schnell widerlegt werden. Die betrachtete wechselseitige Anerkennung braucht aber keine Verschmelzung. Ihr Vorhaben und seines dürfen verschieden bleiben. Das schmälert ihre Begegnung nicht.

Zu unterscheiden ist eher eine spätere Besitznahme: „Alles, was du seitdem geworden bist, hast du mir zu verdanken.“ Eine wirkliche Hilfe macht nicht alles später Gewachsene zum Eigentum des Helfers. Den damaligen Augenblick unter den eigenen Namen zurückzuholen und den Gewinn für den anderen festzustellen ist nicht mehr dieselbe Handlung, wie damals dessen Urteil bei ihm zu lassen.

Liebende streiten und können ihr Denken tatsächlich verändern. Streit und veränderte Urteile beweisen allein jedoch noch nicht, dass beide eigene Wege anerkennen. Heftiger Streit beweist ebenso wenig Abwesenheit von Liebe. Offenes Urteilen kann neue Einsicht bringen, aber auch Erschöpfung, Verletzung und neu sichtbare Unterschiede. Es ist keine Anlage mit garantierter Rendite.

Im nächsten Winter geraten beide am Telefon wegen einer Kleinigkeit in Rage. Keiner hört zu. Dass dieses Mal die Begegnung fehlt, macht die frühere nicht unecht. Ihre frühere Wirklichkeit garantiert wiederum nicht die heutige. Vielleicht blieb eine bessere Gewohnheit des Zuhörens zurück, vielleicht wenig. Das ist am späteren Umgang zu prüfen.

Sagt er: „Damals hast du mich doch so angesehen, warum heute nicht?“, wird die Erinnerung zum Maßstab der Gegenwart. Die Forderung „Sieh mich wie damals“ erzeugt höchstens eine ihr folgende Antwort. Eine Begegnung schuldet keine unbegrenzten Wiederholungen, weil sie einmal stattfand.

Der Wunsch nach einem solchen weiteren Abend oder das gemeinsame Verabreden eines Treffens ist aber nicht gleich Einfordern. Hoffnung gehört dem Hoffenden; Planung kann Bedingungen schaffen. Sie garantiert den Augenblick nicht und muss deshalb nicht abgeschafft werden. Wertschätzen ist kein Kopierbefehl. Keine Garantie heißt nicht wertlos.

Qin Guans Verse über seltene Begegnungen machen die tägliche Nähe nicht zum Ganzen der Liebe. Diese Empfindung lässt sich aufnehmen, ohne lange und kurze Liebe in eine Rangordnung zu bringen. Der Augenblick ist keine Stoppuhrsekunde, sondern dieses konkrete Begegnen. Seine spätere Wiederholung misst nicht seine damalige Wirklichkeit.

Aus dem Wir wird kein zusätzlicher Herr

Liebende sagen „Wir“. Manchmal meinen sie gemeinsames Handeln: eine Wohnung mieten, Reisen planen, besprechen, wie sie während der drei Jahre in Kontakt bleiben. Manchmal meinen sie das wechselseitig Erkannte: „Dein Anliegen bleibt deines, ich habe dich nicht in meine Erklärung einverleibt.“ Beides kann am selben Abend geschehen. Es kann sich nicht ersetzen.

„Weil wir uns so lieben, musst du bleiben.“ Oder: „Weil wir uns so lieben, musst du mitkommen.“ Beide Sätze leihen die wechselseitige Anerkennung für einen abschließenden gemeinsamen Entscheid. Liebe setzt kein Wir über beide, das mehr entscheiden dürfte als jeder Einzelne. Gemeinsame Planung erhält ihr Gewicht weiterhin durch individuelle Anerkennung oder bereits von beiden anerkannte Verfahren.

Nozick beschreibt ernsthaft den Wunsch Liebender nach einem dauerhaften Wir: Zusammenleben verändert, wie entschieden wird. Er streicht die Identität Einzelner dabei nicht und bestreitet auch nicht dauerhaft jede Möglichkeit zu gehen. Eine gemeinsame Identität allein macht seine Theorie nicht zur Theorie der Vereinnahmung. Der Unterschied ist bei der Herkunft der Bindung zu suchen.

Bei ihm hat der andere auch am Ende eine Stimme: kein ewiges Veto, aber Gelegenheit, zu sprechen, Reparatur zu versuchen und zu überzeugen. Diese Reihe legt ein solches Recht zur Begrenzung einseitigen Gehens nicht in die Liebe selbst. Beide können das Ende besprechen. Vergangene Liebe allein verlangt nicht die abgeschlossene gemeinsame Reparaturprozedur als Zugangsschein zum Gehen.

Bestehen Versprechen, muss der Austritt trotzdem verständlich werden; Zusagen und hinterlassene Wirkungen sind nicht einfach weg. Verständlich auszuscheiden verlangt weder persönlichen Abschied noch Erlaubnis oder endloses Antworten. Eine Erklärung begleicht auch nicht alle Folgen. Gemeinsame Identität ist kein notwendiges Liebesziel. Zwei Menschen können einander lieben, ohne ihr Leben in derselben dauerhaften Ordnung verbinden zu wollen.

Badiou betont die Tag für Tag aufgebaute Welt der Zwei, statt Liebe beim Augenblick der Begegnung stehenzulassen. Das ist eine wirkliche Rückfrage an einen Text über diesen Augenblick. Die Reihe leugnet Dauer nicht; die beiden vorigen Essays behandelten Richtung und Wahl. Hier wird nur das eine Geschehen eigens festgehalten, in dem keiner den anderen ersetzt, weder als Anfang noch als Gipfel der Liebe.

Von außen zeigt die Winternacht nur einen Blick und ein Lächeln. Sieben Jahre Kennen, zuverlässige Vorhersage und langes Zusammenbleiben liefern Hinweise, lesen aber keine innere Hälfte vollständig. Dass beide von ihrer Liebe wissen, bedeutet auch nicht, dass jeder dem anderen gerade dessen eigenes Urteil lässt. Gewissheit ist kein Zeugnis dieser Begegnung.

Daher wird weder bewiesen, dass sie fortan in allen Dingen so umgehen, noch jede persönliche Veränderung dieses Augenblicks erklärt. Der Text bleibt bei diesem Mal. Danach kann der gemeinsame Umgang weitergehen oder irgendwann enden. Ob die jeweilige Liebe endet und was Versprechen hinterlassen, bleibt getrennt zu betrachten.

Die Winternacht macht aus zweien nicht einen. Eher lässt sie beide deutlicher anwesend sein. Er übernimmt ihren Satz nicht, um ihn für sie zu beenden; sein seit Jahren nicht mehr erwähntes Vorhaben verschwindet nicht hinter ihrer Entscheidung. Soll es ein nächstes Begegnen geben, müssen die nächsten beiden Menschen ihren eigenen Anteil erneut selbst mitbringen.

Quelle und Lesehinweis

Die Einführung geht auf SAE-Aufsatz 0 zur Liebe zurück, die sechs Blickrichtungen auf die Aufsätze 1–6 und die abschließenden sechs Geschichten auf Aufsatz 7. Es sind vollständige Essays für allgemeine Leser, keine absatzweise Übersetzung sämtlicher technischer Begründungen. Diese deutsche Fassung ist eigenständig aus den chinesischen Essays geschrieben; jeder Text verweist auf den zugehörigen Originalaufsatz. Die Blickrichtungen sind weder Entwicklungsstufen noch Prüfverfahren für fremde Gefühle. Die eheliche und sexuelle Seite wird gesondert betrachtet; sie hier auszuklammern heißt nicht, ihre Gegenwart in der Liebe zu bestreiten. Verpflichtungen und institutionelle Anforderungen verschwinden durch die Betrachtung der Liebe nicht. Die Texte ersetzen keine notwendige Unterstützung zum Schutz der Betroffenen. Eine menschliche muttersprachliche Begutachtung wird nicht beansprucht.

Wissenschaftlicher Originaltext ↗