Eine Philosophie der Liebe · 04
Ich kann dich nicht austauschen. Du darfst trotzdem gehen.
Ein Mensch kann meinem Leben Richtung geben. Doch eine Richtung ist weder Eroberungsziel noch Maßstab für den anderen. Besonders dann nicht, wenn eine Zusage schon dessen Lebensplanung trägt.
A-Zhe und Jianning kennen sich seit sieben Jahren, seit vier sind sie ein Paar. Seine Familie stellt ihm eine andere Frau vor: ähnliche Lebensumstände, ein passendes Temperament. Er trifft sie und findet keinen vernünftigen Einwand gegen ihre Vorzüge. Zu Hause bringt er trotzdem nichts zustande. Schließlich ruft er Jianning an. Viel sagt er nicht, nur: „Ich kann dich einfach nicht austauschen.“
Das ist ein anderer Blick als das plötzliche Aufhorchen bei einer Stimme. Jenes kann kurz sein. Hier ist Jianning nicht vor ihm, und doch bleibt die Richtung zu ihr. Selbst in kühlen, ereignisarmen Tagen ist sie da, wenn er an sein weiteres Leben denkt.
Damit wird weder jede andere Liebe für unecht erklärt noch nach einigen Jahren automatisch eine neue Stufe erreicht. Wir betrachten nur diese Seite: Ein Mensch ist nicht mehr bloß Anlass einer einzelnen Regung, sondern wird zum Wohin meines Lebens. Ob ich diese Richtung selbst anerkenne oder von etwas anderem geschoben werde, ist weiterhin eigens zu prüfen.
Nicht austauschbar heißt nicht unveränderlich
Es gibt andere Menschen. Er sieht durchaus einen anderen verständlichen Weg und kann dennoch nicht wechseln. Die Richtung ist aber keine Kette. Eines Tages kann sich durch eigenes neues Sehen auch sie ändern. Sich von fremdem Zureden nicht verschieben zu lassen ist nicht dasselbe wie sich selbst nicht mehr neu prüfen zu können.
Beständigkeit bedeutet nicht ununterbrochenes Denken an sie. Wenn A-Zhe stundenlang Brückenlasten berechnet, ohne an Jianning zu denken, ist die Richtung nicht gelöscht. Sie hängt nicht an ständig hochgespannten Gefühlen. Leidenschaft springt vielleicht hierhin und dorthin; die Richtung kann auch ohne Hitze fortbestehen.
Ein Mensch als zu erreichendes Ziel sieht anders aus. In Don Giovanni werden eroberte Frauen in einem nach Ländern gezählten Katalog geführt: erreicht, eingetragen, weiter. Betrachtet wird die Gestalt des Katalogs, kein erratenes Innenleben der Figur. Ist nach vollendeter Eroberung ein anderes ebenso sinnvolles Ziel einsetzbar, ist das nicht das hier gemeinte Nicht-austauschen-Können.
Auch zwei Richtungen können nebeneinander bleiben. Rote Rose, weiße Rose bietet eine denkbare Gestalt: Während er an die eine denkt, hat die andere als mögliche Lebensrichtung noch nicht aufgehört. Jeder Augenblick des Liebens gilt dennoch einer Person. Erst der Wechsel zwischen beiden heißt Schwanken, nicht das Verschmelzen zweier Menschen zum selben Gegenüber im selben Augenblick.
Schwanken heißt nicht: jeder ist recht. Beim beliebigen Einsetzen zählt nur, wieder verliebt zu sein; beim Schwanken sind es zwei bestimmte Menschen, ohne dass die Richtung entschieden wäre. Nach dem Ende einer Liebe eine andere zu beginnen ist wiederum ein Nacheinander. Ein neuer Mensch erlaubt nicht, das Ende der alten Liebe rückwirkend vorzudatieren und das noch geschehene Schwanken aus der Erzählung zu streichen.
Diese Unterschiede ordnen Menschen nicht in gut und schlecht. Schwanken ist auch nicht automatisch Kontrolle am anderen. Gesondert zu prüfen sind gebrochene Zusagen, nie ernsthaft anerkannte Versprechen und das Bedrängen anderer durch die eigene Wahl. Innere Ungewissheit und das, was man anderen tatsächlich tut, dürfen nicht zusammenfallen.
Eine Richtung verändert auch die Bedeutung einer Handlung. Umzug oder Berufswechsel können ihretwegen geschehen. Was anderswo eine gewöhnliche Versetzung wäre, hängt hier am geliebten Menschen. Auch das Wissen um die Endlichkeit beider kann der Liebe Gewicht geben. Ein Schwur auf Leben und Tod ist aber nicht der höchste Liebesbeweis. Ein Umzug kann ebenso Richtung tragen.
Nicht jedes Nicht-loslassen ist diese Richtung. Verschwindet mit dem allgemeinen Beifall die eigene Zustimmung? Wird eine Richtung zwar behauptet, lässt sich aber durch keine eigene neue Einsicht ändern? Rückblickend lässt sich fragen: Erkenne ich sie ohne den fremden Maßstab noch an? Kann ich sie selbst noch verändern? Auch dieser Rückblick kann irren. Er ist weder fremde Echtheitsprüfung noch Diagnose.
Sie lebt noch nach jener Zusage
A-Zhe hat versprochen, nach dem Ansparen des Geldes mit Jianning in ihrer Heimat einen kleinen Buchladen zu eröffnen. Sie kündigt zuerst die Arbeit in der Stadt und mietet ein Geschäft. Der Satz gehört nicht mehr nur zum Tag seiner Äußerung. Er steht nun in ihrem Kalender, ihren Rechnungen und ihren nächsten Plänen.
Ein Gelöbnis sagt, wo ich heute stehe; es unterschreibt nicht für morgen. Veränderung bleibt möglich, die frühere Zusage bleibt gewichtig. Solange ich sie anerkenne, gilt sie nicht nur bei Gelegenheit. Ändere ich mich, verschwinden die darauf aufgebauten Anordnungen anderer nicht mit. Kehrt A-Zhe nicht zurück, braucht der Buchladen eine andere Lösung. Die gekündigte Stelle kommt nicht von selbst wieder.
Nietzsche unterscheidet versprechbare Handlungen von nicht versprechbaren Gefühlen und liest ein ehrliches Versprechen ewiger Liebe als Fortdauer ihrer äußeren Erscheinung. Hier werden Schwüre nicht so erklärt. Nach dem Ende der Liebe zugesagte Handlungen weiterzuführen ist nicht automatisch Täuschung oder Fallenlassen. Zu fragen bleibt: Was war versprochen, wozu steht man noch, und trägt ein innerlich leer gewordener Anschein weiterhin die Planung des anderen? Welche Wirkungen andere Konstellationen auf sie haben, bleibt hier offen. Ein einziges „Ich liebe nicht mehr“ entscheidet nicht alles.
Zuerst: Gab es überhaupt eine Zusage? Jiannings Hoffnung auf seine Ankunft beweist sie nicht. Auch viele gemeinsame Jahre reichen nicht, um ein stillschweigendes Versprechen festzustellen. Fehlte der Satz „Ich verspreche es“, muss allerdings nicht jede Zusage gefehlt haben. Tatsächliches Sprechen, Handeln und jeweiliges Anerkennen sind zu betrachten. Die Erwartung einer Seite unterschreibt nicht für die andere.
Hat er ihr etwas versprochen, sind zwei Dinge auseinanderzuhalten: sich dem eigenen Tun zu stellen und ihr den Rückzug verständlich zu machen. Seine innere Anerkennung der Veränderung bedeutet nicht, dass sie schon versteht. Es auszusprechen hat umgekehrt noch nicht alles von ihm Getane aufgearbeitet. Er muss auch nicht erst ihre Zustimmung erhalten, damit sein Austritt besteht. Dass sie die Veränderung versteht, dass sie sie billigt und dass er sich ernsthaft dem Geschehen stellt, sind drei Dinge.
Die Mitteilung muss weder persönlicher Abschied sein noch einen sie zufriedenstellenden Grund liefern. Entscheidend ist, ob seine an sie gerichteten Worte und Handlungen mitsamt dem für sie zugänglichen Zusammenhang verständlich machen: Die alte Zusage hat sich geändert. „Warte wegen des Buchladens nicht mehr auf mich“ sagt etwas anderes als „Ich habe viel zu tun, wir sehen später“. Hört sie darin nur Aufschub und zahlt weiter Miete, ist mit seiner inneren Entscheidung noch nichts deutlich mitgeteilt.
Er muss ihr auch nicht vorschreiben, was der Austritt bedeutet. „Ich komme nicht zurück“ teilt eine Änderung mit. „Niemand verliert etwas dabei, es ist auch besser für dich“ legt ihre Auslegung bereits für sie fest. Den eigenen Austritt mitzuteilen und ihr Verstehen stellvertretend zu erledigen bleibt zweierlei.
Am schwersten ist der Fall, dass er sicher nicht mehr kommt, die Zusage aber stehen bleibt. Versprechen müssen nicht täglich neu geschlossen werden. Gelten ursprünglicher Inhalt und Bedingungen noch und gibt es keine verständliche Änderung, sagt die Zusage weiterhin zu ihr: „Ich stehe noch dazu.“ Sie zahlt Miete, schlägt andere Möglichkeiten aus. Die Seite, von der das Zeichen kommt, ist bereits leer.
Das Problem ist nicht allein der Rückzug seiner Beteiligung. Er kann ihre Lage erschweren, ohne deshalb schon Kontrolle zu sein. Problematisch ist die leere Zusage, die weiter für ihn wirkt und „Er wird noch kommen“ als Voraussetzung ihrer Planung erhält. Das zielt darauf, ihren Raum neuer Überlegung anhand neuer Tatsachen zu besetzen. Diese Richtung gehört zur fortwirkenden Zusage. Sie macht das damals ernst gemeinte Versprechen nicht rückwirkend falsch.
Hatte er beim Versprechen nie die Absicht zu kommen, war es eine falsche Zusage. Meinte er es zunächst ernst und lässt später nach sicherem innerem Abschied den Anschein bei Bedarf weiter für sich arbeiten, ist das hier betrachtete Fallenlassen. Nicht erfüllen können, Krankheit, eine gemeinsam geänderte Abrede und ein offener, verantworteter Austritt sind nicht mit diesen Fällen zusammenzuwerfen. Die Echtheit der Liebe ist auch nicht dieselbe Frage wie die Falschheit einer bestimmten Zusage.
Von außen verrät Nichtkommen das Innere weiterhin nicht vollständig. Prüfbar sind Gesagtes, Erfüllung, auffindbare Änderungsmitteilungen und die darauf aufgebaute Planung des anderen. Ob er noch zur ursprünglichen Position steht und ob die stillschweigende Zusage besteht, wird durch äußere Spuren nicht erschöpft. Die Struktur zu lesen bedeutet keinen lebenslangen Stempel der Unzuverlässigkeit für eine Person.
Auf ihren Raum neuer Planung zu zielen heißt außerdem nicht, ihn erfolgreich besetzt zu haben. Vielleicht weiß sie längst anderswoher, dass er nicht kommt, oder hat den Anschein durchschaut. Ihr späteres Verstehen und Handeln sind gesondert zu prüfen. Misslingen löscht die stehen gelassene leere Zusage nicht rückwirkend. Bereits ausgegebenes Geld erhält sie durch spätere Erkenntnis ebenfalls nicht zurück.
Zwischen Entscheidung und Mitteilung gibt es keine starre Tagesgrenze. Bereitet er die Verständlichkeit vor, überlegt die Form und definiert sie nicht stellvertretend, ist die Mitteilung im Entstehen. Schweigt er weiter, um ihre darauf gegründeten Arrangements zu genießen oder der Auseinandersetzung für immer auszuweichen, hält er die leere Zusage hin. Von außen kann das ähnlich aussehen. Vorbereitung und Verschleppung brauchen Anhaltspunkte, keine Stoppuhr.
Meine Richtung ist nicht dein Maßstab
In einem Jahr möchte Jianning für eine zweijährige Weiterbildung fort. A-Zhe sagt: „Ich habe mich vier Jahre nicht geändert. Wie kannst du da zögern?“ Seine Richtung kann wirklich sein und nun doch zum Maßstab für sie werden: „Ich kann nur dich wollen, also musst du auch nur mich wollen; ich blieb gleich, also darfst du dich nicht ändern.“
„Ich wünsche mir, dass auch du nur mich liebst“ kann eine ausgesprochene Erwartung sein, auf die sie antwortet. „Wenn du wirklich liebst, dann so wie ich“ setzt die Erwartung dagegen zum Kriterium ihrer Liebe ein. Es ist nicht unbedingt mangelnder Ernst, der ihn diese Grenze überschreiten lässt. Manchmal schreibt er ihre Wahl gerade deshalb vor, weil er meint, selbst alles gegeben zu haben.
Für sie umzuziehen oder den Beruf zu wechseln fordert nicht von selbst ein gleiches Leben als Rückzahlung. „Ich habe das getan“ ist eine Tatsache. „Also musst du“ ist ein weiterer Schritt. Ersetzt sie damit ihr eigenes Urteil, kommt diese Richtung bei ihr zur Wirkung. Lehnt sie ab, bleibt es eine ausgesprochene Forderung. Ihr Scheitern bedeutet nicht, dass nichts geschah.
Sartre formuliert die Schwierigkeit der Liebe scharf: von einem freien Menschen geliebt werden zu wollen und diese Freiheit zugleich festhalten zu wollen. Daraus erklärt diese Reihe weder jede Liebe zur Besitznahme noch behauptet sie, Sartre widerlegt zu haben. Zu prüfen bleibt dieses Mal: Wird meine Richtung dem anderen aufgezwungen? Der Name Liebe entscheidet nicht alle konkreten Handlungen gleichermaßen.
Die eigene Sicherheit davon abhängig zu machen, ob der andere gehen kann, ist ebenfalls kein bloßer eigener Rückzug. Es fügt ihrem Austritt Folgen hinzu. Druck beginnt nicht erst bei ausgeführter Drohung. Ist der Ausgang tatsächlich versperrt, ist außerdem eine Verletzung grundlegender Rechte zu betrachten. Ist der Sprecher selbst wirklich gefährdet, braucht auch er gesonderte Hilfe. Die Analyse der Liebe ersetzt sie nicht und macht Gefahr nicht zum höchsten Liebesbeweis.
Meine Liebe gibt meinem Leben eine Richtung. Daraus folgt nicht dieselbe Richtung für sie. Jiannings Wunsch nach einem Buchladen in der Heimat ist ihr eigener Weg, nicht erst durch seine Unfähigkeit, sie auszutauschen, begründet. Können beide gerade den anderen nicht austauschen, treffen zwei Richtungen zusammen. Keine hat die andere erzeugt.
Auch die Richtung kann sich ändern. Nach einem Winter sieht A-Zhe seine weitere Zukunft vielleicht nicht mehr dort. Nicht weil jemand bessere Bedingungen bietet oder die Familie ihn endlich überzeugt hat: Sein eigenes Sehen hat sich verändert. Nicht austauschbar heißt nicht unveränderlich. Liebesende, Ende des Umgangs und hinterlassene Wirkungen der Zusage brauchen weiterhin eigene Betrachtung.
Erkennt er die Veränderung an und macht sie Jianning verständlich, ist das eine Art zu gehen. Die Miete und die aufgegebene Stelle sind damit nicht beglichen. Die leere Zusage weiterbestehen zu lassen ist eine andere Art zu handeln. Der Unterschied liegt nicht in der schöneren Rede, sondern darin, ob sie ihr Leben aufgrund geänderter Tatsachen selbst neu ordnen kann.
„Ich kann dich einfach nicht austauschen“ kann sehr ernst sein und ist trotzdem kein Beleg für das Festhalten eines anderen. Die Richtung hindert mich daran, mich als beliebig umstellbaren Plan zu sehen. Soll sie nicht umgekehrt den anderen an sich nehmen, muss sie hier haltmachen: Mein Nicht-austauschen-Können ist nicht dein Nicht-gehen-Dürfen.
Quelle und Lesehinweis
Die Einführung geht auf SAE-Aufsatz 0 zur Liebe zurück, die sechs Blickrichtungen auf die Aufsätze 1–6 und die abschließenden sechs Geschichten auf Aufsatz 7. Es sind vollständige Essays für allgemeine Leser, keine absatzweise Übersetzung sämtlicher technischer Begründungen. Diese deutsche Fassung ist eigenständig aus den chinesischen Essays geschrieben; jeder Text verweist auf den zugehörigen Originalaufsatz. Die Blickrichtungen sind weder Entwicklungsstufen noch Prüfverfahren für fremde Gefühle. Die eheliche und sexuelle Seite wird gesondert betrachtet; sie hier auszuklammern heißt nicht, ihre Gegenwart in der Liebe zu bestreiten. Verpflichtungen und institutionelle Anforderungen verschwinden durch die Betrachtung der Liebe nicht. Die Texte ersetzen keine notwendige Unterstützung zum Schutz der Betroffenen. Eine menschliche muttersprachliche Begutachtung wird nicht beansprucht.