NON DUBITO · Filmessays · 3 / 3
An der Tür hielt er inne und verbeugte sich
In diesem Essay
Truman entscheidet sich für den Seeweg, weil genau dieser Weg durch die Angst aus seinem Leben gestrichen werden sollte. Als Christof ihn entdeckt, macht er das Wetter zur Gewalt: Sturm, Dunkelheit, gewaltige Wellen und Blitze. Truman bindet sich auf dem Boot fest und fährt weiter. Die Furcht ist nicht verschwunden. Sein Gesicht zeigt noch immer Angst, Erschöpfung und Schmerz. Was sich verändert hat, ist die Autorität der Angst.
Die Mitarbeiter im Kontrollraum warnen Christof, Truman könne sterben. Trotzdem verstärkt er den Sturm und beendet ihn erst, als Truman überlebt hat. Dieser Schöpfer, der Sicherheit verspricht, würde seinen Hauptdarsteller lieber töten, als ihn zu verlieren.
Das letzte Gespräch hat also schon begonnen, bevor einer von beiden ein Wort sagt. Truman überlebt die Gewalt, die ihn festhalten soll. Damit hat er bereits auf die Behauptung geantwortet, Seahaven sei ausschließlich zu seinem Besten da.
I. Der Horizont entpuppt sich als Wand
Das Boot stößt gegen den aufgemalten Himmel. Truman streckt die Hand aus, berührt die Wand und geht an ihr entlang. Er findet Stufen, die aus dem Wasser aufsteigen, und gelangt schließlich zu einer Tür mit der Aufschrift »Ausgang«. Die Grenze, die ihn immer unsichtbar beherrscht hat, nimmt endlich eine physische Gestalt an.
Bisher konnte Truman im Horizont die Ferne sehen. Jetzt zeigt er sich als Eigentum. Dieser Himmel ist nicht bloß künstlich hergestellt. Er gehört einer Institution, die darüber entscheidet, wie weit Trumans Welt reichen darf. Der Ausgang ist schlicht und dunkel; von dem, was dahinterliegt, lässt er nichts erkennen. Freiheit erscheint hier nicht als neue Landschaft, sondern als Öffnung, für die niemand eine Garantie gibt.
II. Christofs stärkstes Argument
Christofs Stimme kommt aus dem künstlichen Himmel. Die Welt draußen, sagt er, sei nicht wahrhaftiger als diese. Auch sie sei voller Lügen und Täuschungen. Seahaven hingegen gebe Truman Ordnung und Schutz. Christof hat seinen ersten Schritt gesehen, sein erstes Wort gehört, seinen ersten Kuss miterlebt. Daraus leitet er den Anspruch ab, Truman besser zu kennen als dieser sich selbst.
Dieses Argument sollte man nicht vorschnell abtun. Die Welt draußen ist keineswegs unbefleckt, Sylvia kann kein Glück garantieren, und auch Christofs Bindung an Truman mag als Gefühl echt sein. Selbst ein kontrolliertes Leben kann Annehmlichkeiten, Zuneigung und Schönheit enthalten.
Das Problem liegt im Sprung von der Qualität dieses Lebens zum Recht, Truman weiterhin zu besitzen. Weil die Stadt wohlgeordnet ist, soll Truman offenbar verpflichtet sein, dort zu bleiben. Weil Christof ihn so lange beobachtet hat, wird Beobachtung zur Kenntnis des Menschen erklärt. Weil er glaubt, sich um Truman zu kümmern, gilt ihm diese Fürsorge als Erlaubnis, an dessen Stelle zu entscheiden.
Der Sturm hat den Widerspruch bereits offengelegt: Sicherheit gibt es nur unter Bedingungen. Truman wird nur so lange geschützt, wie er sein Leben keinen Zwecken widmet, die der Produzent nicht genehmigt hat.
III. Keine Kamera im Kopf
Truman gibt durchaus eine Antwort. Als Christof behauptet, ein ganzes Leben des Beobachtens verschaffe ihm die überlegene Einsicht, entgegnet Truman: »In meinem Kopf hast du nie eine Kamera installiert.«
Dieser Satz zieht die wichtigste Grenze des Films. Christof besitzt ein gewaltiges Verhaltensarchiv: jede Bewegung, jede Gewohnheit, jede Angst, jede Freundschaft, jeden Kauf, jeden Fehler und alle laut ausgesprochenen Träume. Er kann Trumans Verhalten sogar mit verblüffender Genauigkeit vorhersagen. Doch sämtliche Informationen über einen Menschen zu besitzen heißt noch nicht, sich auch dessen Standpunkt aneignen zu können.
So viele Beobachtungen man auch anhäuft, sie können ein Subjekt nie restlos in ein Objekt verwandeln. Dieses ungefilmte Innere ist kein geheimnisvoller Raum, in dem ein »reines Ich« versiegelt liegt. Es ist der Ort, von dem aus Truman seine Geschichte weiterhin neu deuten und entscheiden kann, ob eine Vorhersage auch in Zukunft gelten soll.
IV. Die Welt draußen muss nicht besser sein
Christof streitet über den Inhalt: Welche Welt ist sicherer, freundlicher, wahrhaftiger? Trumans Handeln antwortet auf die Frage nach der Autorschaft: Wessen Leben ist das, und wer darf es von jetzt an weiterschreiben?
Wäre Fortgehen erst dann vernünftig, wenn ein besseres Ergebnis garantiert ist, könnte der Produzent endlos weitere Belege fordern. Die Welt draußen könnte Truman enttäuschen. Sylvia könnte längst anders sein, als er sie in Erinnerung hat. Die öffentliche Aufmerksamkeit könnte eine neue Mauer um ihn errichten. Doch keines dieser Risiken gibt Christof das Recht, ihn festzuhalten.
Selbstbestimmung ist keine Versicherung, die den Erfolg einer Entscheidung garantiert. Es geht darum, wer entscheiden darf, die Unsicherheit dieser Entscheidung tragen und sie später korrigieren kann. Der Film beweist nicht, dass Freiheit immer angenehm ist. Truman stößt die Tür dennoch auf, weil ein angenehmes Leben nicht genügt, wenn sein Preis der heimliche Entzug der eigenen Autorschaft ist.
V. Sylvia steht an einem anderen Ort
Sylvia wartet keineswegs nur passiv ab. Sie hat versucht, Truman die Wahrheit zu sagen, und wurde deshalb gewaltsam vom Set entfernt. Danach hat sie sich öffentlich gegen die Sendung gestellt und Christof in einem Liveinterview direkt zur Rede gestellt. Am Ende steht sie sofort auf, um Truman zu suchen.
Aber sie kann nicht an seiner Stelle zur Urheberin seiner Flucht werden. Sie gibt ihm eine Wahrheit zurück, die die Sendung unterschlagen hat, und lässt außerhalb Seahavens eine mögliche Adresse entstehen. Sie kann ihm weder den Bau eines Bootes noch den Sturm oder die letzte Entscheidung abnehmen. Ein Teil ihrer Bedeutung liegt darin, für eine Beziehung zu stehen, die Christof nicht vollständig inszeniert hat. Zugleich lässt sie Truman genug Raum, als Handelnder dort anzukommen, statt als Requisit, das man von einem Ort zum anderen trägt.
Christof erschafft eine ganze Welt und verlangt, dass Truman in ihr bleibt. Sylvia dringt in diese Welt ein, gibt ihm eine fehlende Möglichkeit zurück und wartet dann jenseits ihres Randes.
VI. Die Verbeugung
An der Tür hält Truman inne. Er wiederholt den Gruß, den er jeden Tag an die Nachbarn und das Publikum gerichtet hat, verbeugt sich und verschwindet im Dunkeln. Die Darbietung ist noch immer vertraut, doch sie dient jetzt einem anderen Zweck. Ein Satz, den die Sendung einst vereinnahmt hat, wird zur Form, in der Truman sie eigenhändig beendet.
Das Publikum jubelt. Gleich darauf schauen sich zwei Wachmänner nach etwas anderem um, das sie sehen könnten; diese Sendung ist ja nun vorbei. Der letzte Witz bezieht die Zuschauer in die Kritik ein. Sie lieben Trumans Freiheit als gelungenes Ende einer Folge. Sobald sein Leben keinen Inhalt mehr liefert, steht der Konsum schon bereit, weiterzugehen.
Dieser Aufbruch läutert das Publikum nicht, garantiert keine Zukunft und zerstört auch nicht die Unterhaltungsindustrie. Er vollbringt etwas Begrenzteres und zugleich Grundlegenderes: Der Mensch, den die Sendung immer als jemanden angekündigt hat, der »sich selbst spielt«, gewinnt endlich das Recht zurück, darüber zu bestimmen, wohin dieses Selbst gehen wird.
Truman gewinnt nicht, indem er beweist, dass Christofs Welt in jeder Hinsicht falsch ist. Er weigert sich lediglich, die Autorschaft eines anderen weiterhin als letzte Wahrheit über sein ganzes Leben gelten zu lassen.
Grundlage dieses Essays ist Die Truman Show von 1998, inszeniert von Peter Weir nach einem Drehbuch von Andrew Niccol. Die Analyse bezieht sich auf die Kinofassung; Einzelheiten der Handlung wurden zusätzlich mit Niccols Drehfassung des Drehbuchs abgeglichen.