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Non Dubito

Strukturen in Märchen · 26

Eselshaut stellt keine nächste Aufgabe mehr: Wann kann ein Nein nicht länger verhandelt werden?

Himmel, Mond und Sonne werden zu Kleidern. Doch selbst der höchste bezahlte Preis kann ihre Antwort nicht ersetzen. Nun braucht sie keine schwerere Bedingung, sondern einen Weg hinaus.

Han Qin ·

Mit dem ersten gelieferten Kleid kann die Prinzessin noch nicht aufatmen. Schön wie der Himmel sollte es sein; sie hielt das für unmöglich. Doch der König hat es von seinen Handwerkern anfertigen lassen. Nun rät die Feenpatin zu einem Kleid wie der Mond. Auch der Mondglanz steht bald vor ihr, und sie verlangt die Sonne. Jede Gabe ist schön. Jedes gelungene Stück Schönheit führt sie zugleich näher an die Ehe, die sie nicht eingehen will.

Denn der Bewerber ist ihr eigener Vater. Perraults »Eselshaut« macht daraus keine gewöhnliche Werbung und verlangt nicht, dass die Tochter sich von so gewissenhafter Erfüllung ihrer Bedingungen gerührt zeigen müsse. Nur kann sie ihn vorerst nicht gefahrlos unmittelbar aufhalten. Sie versteckt das Nein in einer Aufgabe: Erst wenn das Unmögliche da sei, komme die Heirat infrage. Sie braucht das Scheitern der Bedingung. Er braucht deren Erfüllung, um danach kein Nein mehr hören zu müssen.

Der Anfang liegt in einem letzten Wunsch der Königin. Im Sterben verlangt sie, der Mann dürfe nur eine schönere und tugendhaftere Frau heiraten. Weil es die kaum geben könne, hofft sie, so nicht ersetzt zu werden. Der König trauert, möchte später aber doch neu heiraten und richtet den Blick schließlich auf die Tochter, die der Mutter immer ähnlicher wird. Ausgerechnet die Bedingung, die eine weitere Ehe begrenzen sollte, wird zum Grund, sich um die Tochter zu bewerben.

Eine erfüllte Bedingung rechtfertigt diese Forderung nicht. Auch der König ahnt, dass er eine weitere Verteidigung braucht. Er holt einen Mann, der moralische Zweifelsfälle geschickt erörtern kann, und bekommt eine Auslegung, mit der er weiter darauf bestehen kann. Von einem solchen Mann schreibt Perrault, nicht von der einmütigen Zustimmung sämtlicher Ratgeber. Für die Prinzessin erscheint jedoch noch immer kein wirksames Urteil einer Autorität, das den Vater aufhalten könnte. Weinend sucht sie die Feenpatin auf.

Diese sagt deutlich, dem Vater zuzustimmen wäre falsch. Zunächst empfiehlt sie einen Weg ohne offenen Zusammenstoß: Kleider verlangen, die er nicht beschaffen kann. Die Prinzessin setzt damit nicht in sicherer Gleichheit einen ernst gemeinten Preis für die Ehe. Sie versucht, die Gefahr hinauszuschieben. Jede Forderung als hinreichendes Versprechen zu behandeln würde gerade ihre Schwierigkeit, unmittelbar Nein zu sagen, gegen sie wenden und daraus eine Pflicht zur Erfüllung machen.

Der König hat genug Geld und genug Macht, andere das Scheitern fürchten zu lassen. Den Handwerkern des Himmelskleides droht der Strang; später werden auch die für das Sonnenkleid Arbeitenden hart unter Druck gesetzt. Von außen wirken die prachtvollen Gaben wie sein eigener Einsatz ohne Rücksicht auf Kosten. Die Schwierigkeit tragen in Wirklichkeit aber viele, die an der Werbung nicht beteiligt sind. Sie müssen das Unmögliche der Prinzessin möglich machen, um sich selbst zu retten.

Daraus folgt keine Hauptverantwortung der Prinzessin für die Drohungen gegen die Handwerker. Den Einsatz der Macht wählt der König. Sie sucht einen Schutz und kann aus dem Palast nicht jeden Auftrag steuern. Sichtbar wird aber eine Schwäche dieses Aufschubs: Wer über Arbeit und Leben anderer verfügt, muss einen erhöhten Preis nicht selbst tragen. Je teurer die Aufgabe, desto größer kann der Druck auf andere werden.

Die Schönheit der Kleider sieht sie durchaus. Perrault erzählt sogar, wie sie sich von der Pracht bewegen lässt und beinahe zustimmt. Um sie zu schützen, müssen wir dieses Schwanken nicht streichen und eine vom ersten bis zum letzten Augenblick unerschütterliche Figur schaffen. Ein Mensch kann eine Gabe mögen und die verlangte Beziehung dennoch ablehnen. Dass ein schönes Geschenk zögern lässt, rechtfertigt nicht die von Anfang an eindeutig grenzüberschreitende Werbung.

Zuletzt fällt der Fee der kostbarste Esel des Königs ein. Täglich liefert er Goldmünzen und bildet eine wichtige Quelle des Reichtums. Fordert die Tochter seine Haut, muss der Vater zwischen Begehren und Geldquelle wählen; die Fee glaubt, dieses Kleinod werde er nicht vernichten. Doch die Haut kommt bald. Er hat den Esel tatsächlich töten lassen. Was die Macht endlich aufhalten sollte, ist wieder nur ein Preis, den die Macht schon bezahlt hat.

Jetzt lässt das Märchen die Fee nicht immer weitere, noch schwierigere Dinge ausdenken. Sie erkennt an, dass sie sich verschätzt hat, und wechselt die Methode. Der König hört nicht auf, die Hindernisse versagen nacheinander. Weiter zu glauben, eine hinreichend große Aufgabe werde ihn von selbst umkehren lassen, schützt nicht mehr. Die Prinzessin soll zunächst ihre Fluchtabsicht verbergen, sich dann die Eselshaut umlegen und heimlich den Palast verlassen.

Wichtig ist an dieser Hilfe nicht, dass die Fee endlich erklären könnte, nie einen Fehler gemacht zu haben. Sie schiebt der Tochter den Misserfolg nicht zu und behauptet nicht, sie habe nur zu unentschlossen verlangt. Der Rat hat sein Ziel tatsächlich verfehlt und muss ersetzt werden. Jemanden zu unterstützen heißt nicht immer, am ersten Vorschlag festzuhalten. Es kann auch heißen, bei neuen Tatsachen zuzugeben, dass der bisherige Weg nicht weiterführt.

Zur Flucht gibt sie mehr als den Rat, mutig zu gehen. Sie richtet eine Kleidertruhe und einen Zauberstab ein, sodass die Prinzessin auf Kleider, Spiegel, Schmuck und anderes weiterhin zugreifen kann. Gestalt und Identität muss sie verbergen, nicht aber fortan besitzlos sein. Solche Mittel sind wichtig. Ein unsicheres Leben zu verlassen verlangt einen Weg hinaus, ein mögliches Weiterleben danach und die Bewahrung von Dingen, die man selbst schätzen möchte.

Die Haut war zuvor der letzte Preis, der die Ehe verhindern sollte. Nun verhüllt sie die Flüchtende. Dasselbe Ding bekommt eine andere Verwendung. Die Prinzessin steht nicht länger vor dem Vater und wartet auf die Erfüllung ihrer Forderung. Sie stellt auch keine nächste erfüllbare Bedingung, sondern verlässt selbst den Ablauf dieser Bedingungen. Ihr Recht zu gehen wartet nicht darauf, dass der Vater das Nein vernünftig findet. Damals gibt es eine solche Anerkennung auch nicht, auf die sie hoffen könnte.

Außerhalb des Schlosses empfängt sie nicht sofort eine sanfte Welt. Die Eselshaut lässt sie hässlich erscheinen. Menschen meiden und verspotten sie; schließlich findet sie schwere, schmutzige Arbeit. Sicherheit und Achtung stellen sich nicht am selben Tag ein. Dennoch ist dies nicht mehr dasselbe wie das Gefangensein in der väterlichen Werbung. Sie hat Abstand gewonnen, muss nicht länger auf diese Ehe warten und kann ihren Alltag von einem anderen Ort aus einrichten.

An freien Tagen holt sie die Kleider hervor, wäscht sich und trägt, was ihr gefällt. Fortzugehen verlangt weder dauernde Zustimmung zum hässlichen Bild der anderen noch den Verzicht auf Schönheit als Beweis für die Ablehnung der Geschenkbedingungen. Sie darf die Kleider behalten und die Ehe nicht wollen. Sie darf sich mit der Haut vor Gefahr verbergen, ohne sie zur Gestalt zu machen, die sie ihr Leben lang sein müsse.

Ein anderer Prinz sieht sie später durch einen Türspalt und verliebt sich in die unter dem groben Gewand Verborgene. Ring, Kuchen und die Suche nach dem passenden Finger bringen ihre Identität an einen Hof zurück. Wie der Ring in den Kuchen kommt, lässt das Gedicht absichtlich zwischen Zufall und Absicht schillern; wir müssen keine Seite für sie festlegen. Entscheidend ist, dass dieses Leben nicht mehr unmittelbar von der ersten Bedingung des Vaters vorgegeben wird. Eine andere Begegnung kann stattfinden.

Die spätere Ehe darf nicht der einzige Beweis sein, dass die Flucht wertvoll war. Auch bevor wir von diesem Prinzen wissen, muss sie für die Ablehnung des Vaters keine bessere Heirat draußen garantieren. Sonst müssten Gefährdete immer erst ein günstigeres Ergebnis nachweisen, bevor sie eine schon ausdrücklich unerwünschte Beziehung zurückweisen dürfen. Fortzugehen braucht keine Genehmigung durch die erfolgreiche Werbung eines anderen.

Perrault lässt auch den Vater bei der letzten Hochzeit erscheinen. Er habe sein ungehöriges Begehren aufgegeben, erzählt das Gedicht, und freue sich als Vater über das Wiedersehen. Diesen Wandel dürfen wir nicht streichen, um ein Bild reiner Bosheit zu erhalten. Menschen können sich ändern, Beziehungen unter anderen Bedingungen wiederkehren. Welcher Weg aus Entschuldigung, Wiedergutmachung und neuem Verstehen dazu geführt hat, entfaltet das Gedicht allerdings nicht.

Der spätere Wandel bedeutet daher nicht, die Tochter hätte anfangs nur geduldig warten müssen. Erzählt wird er erst nach ihrem Fortgehen; als Sicherheit für ein damaliges Bleiben im Palast lässt er sich nicht vorverlegen. Dass jemand künftig besser werden kann, verlangt von der jetzt bedrohten Person keinen unbegrenzten Einsatz ihrer selbst auf diese Möglichkeit. Das Wiedersehen kann wahr sein, ebenso wie die frühere Notwendigkeit zu gehen.

Vielleicht liegt der wichtigste Augenblick dieses Märchens nicht darin, wie gut die Eselshaut sie verbirgt, sondern darin, wann sie keine weitere Aufgabe mehr stellt. Verhandelte Bedingungen haben Zeit gewonnen; ein schlichtes »Warum bist du nicht gleich gegangen?« wäre darum unangebracht. Sobald sie aber der Reihe nach erfüllbar werden, beginnt dieselbe Methode, sie in das unerwünschte Ergebnis zurückzudrängen. Auch Schutzmittel haben einen Anwendungsbereich, der mit den tatsächlichen Veränderungen neu zu beurteilen ist.

Jede erfüllte Forderung scheint dem König einen weiteren Grund zu geben, Zustimmung zu verlangen. Genau diese Anhäufung unterbricht die Fee zuletzt. Die Kleider sind fertig, der Esel ist tot; trotzdem ist die Antwort der Tochter nicht durch Bezahlung ersetzt. Ihre Aufgaben erteilen keine Erlaubnis zum Überschreiten der verwandtschaftlichen Grenze. Sein Aufwand macht eine Ehe, die so nicht zu erlangen ist, auch nach der höchsten Zahlung nicht käuflich.

Das muss nicht auf jedes Zerwürfnis ausgedehnt werden, als solle Verhandlung immer enden. Die Prinzessin steht unter einer inzestuösen Forderung des Vaters, seiner eingesetzten Macht und dem Mangel an wirksamem Schutz, nicht in einem gleichberechtigten Gespräch über eine gewöhnliche Abmachung. Wenn schon das direkte Nein schwierig ist, zeigt die Geschichte, darf nicht jedes Wort auf einem Umweg zum Überleben als aktive Einladung zu weiterem Bieten behandelt werden.

Himmel, Mond, Sonne: Alle drei Kleider sind fertig geworden. Keines hat der Tochter ein Ja abgenommen. Sie begreift vielmehr, dass auch das schönste ihre Ablehnung nicht verändern wird. Fortgehen kann schließlich nicht die, welche die schwierigste Aufgabe der Welt erfindet, sondern die, welche mit Hilfe endlich keine nächste Bedingung mehr stellen muss. Sie legt die Eselshaut um, nimmt Mittel zum Weiterleben mit und verlässt den Ort, an dem der Vater auf die Antwort wartet.

Textgrundlagen

Für deutsche Leser unabhängig aus dem vollständigen chinesischen Essay geschrieben. Die benannte spätere Überlieferung des Versmärchens, nicht eine beanspruchte Sichtung der Erstausgabe, bildet die Textgrenze. Der väterliche spätere Wandel ist echt erzählt und keine Garantie für damaliges Bleiben; die Flucht braucht keine erfolgreiche neue Heirat, um berechtigt zu sein.

Hinweise zur Fassung

Textgrundlage ist Perraults Verserzählung »Peau-d’Âne«. Für die chinesische Ausgangslesart wurde die Online-Transkription der Seiten 175–194 der »Œuvres choisies de Charles Perrault« herangezogen. Diesen Band bearbeitete Collin de Plancy; er erschien 1826 bei Peytieux. Die Grundlage ist kein Bild der Erstveröffentlichung. Erhalten bleiben ein einzelner Kasuist, die bedrohten Handwerker, das Schwanken der Prinzessin vor den Kleidern, die nach ihrer Fehleinschätzung helfende Fee, die zugängliche Kleidertruhe, die erzählerische Zweideutigkeit des Rings sowie der Vater, der sein ungehöriges Begehren später aufgibt und zur Hochzeit kommt. Nicht vermischt wird mit Prosabearbeitungen oder anderen Dornröschen- und Fluchtgeschichten in Tierhaut.