Non Dubito
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NON DUBITO · Skulptur · Westliche Skulptur

Jean de la Huertas Trauernder: Das Buch bleibt in der Hand, der Blick ist schon weitergewandert

Das Buch bleibt offen, der Blick geht zur Seite. In einer gemeinsamen Zeremonie hat ein Trauernder seine eigene Pause.

In diesem Essay

Sein Buch ist noch offen, doch seine Augen sind nicht darauf gerichtet.

Links im Bild trägt die rechte Hand ein leicht geöffnetes Buch. Die dicken Seiten bilden zwei übereinanderliegende Stapel, zwischen denen ein dunkler Spalt bleibt. Auf der anderen Seite hängt die Hand unter einem weiten Ärmel herab; die Finger weisen zum Boden. Der Kopf wendet sich nach seiner eigenen linken Seite, das Gesicht ist etwas angehoben. Die Kleidung um Hals und Schultern verdeckt es nicht. Vielmehr bildet sie einen dicken Rahmen, vor dem diese Wendung besonders deutlich wird.

Vor Brust und Bauch sinken die Gewandfalten Schicht um Schicht herab. Das Buch ragt zur einen Seite, das Gesicht wendet sich zur anderen, der größte Teil des Körpers bleibt aber in der Masse des langen Gewands.

Ganzfigurige Ansicht des Trauernden von schräg vorn. Die hellbeige Steinfigur hält rechts ein leicht geöffnetes Buch, die linke Hand hängt herab, der Kopf wendet sich nach ihrer eigenen linken Seite aufwärts. Das weite Gewand fällt in mehreren Schichten vor Brust und Bauch.
Abb. 1. Jean de la Huerta, Trauernder vom Grabmal Johanns Ohnefurcht und Margaretes von Bayern, 1443–1445. Alabaster aus Salins; 41 × 20,3 × 12,4 cm. The Cleveland Museum of Art, erworben aus dem J. H. Wade Fund, Inventarnummer 1940.129. Alle Abbildungen dieses Essays sind Museumsaufnahmen desselben Originals. CC0. SammlungseintragBilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Die Stärke der kleinen Skulptur liegt darin, dass sie einen Wechsel der Aufmerksamkeit und das Verharren des Körpers gemeinsam gestaltet. Das Gesicht hat sich bereits zur Seite gewandt, das Buch bleibt an seinem Platz. Das weite Gewand fasst den Körper zu einer stabilen Einheit zusammen und macht die Wendung darüber umso deutlicher. So bekommt Trauer eine Dauer: Der Mensch bleibt in der Zeremonie, seine Bewegungen erstarren aber nicht zu einem einheitlichen Gesicht des Schmerzes.

Die Figur gehörte ursprünglich zu einem herzoglichen Grabmal im Kloster Champmol bei Dijon. Philipp der Gute gab das Grabmal für seinen Vater Johann Ohnefurcht in Auftrag, nach dem Vorbild des älteren Grabmals Philipps des Kühnen. Dieser Mann in einer an Mönchskleidung erinnernden Tracht war einer von vierzig Trauernden unter einer Alabasterarkade. Das Cleveland Museum führt das Werk derzeit unter Jean de la Huertas Namen und datiert es auf 1443–1445. Erläuterung des Museums

1. Ein Buch, das nicht vor die Augen gehoben wird

Folgen wir von der Position des Buchs aus dem Arm.

Das Buch liegt tief, ungefähr seitlich an der Taille, mit schräg nach außen gerichtetem Schnitt. Es wird weder mit beiden Händen vor die Brust gehoben noch zu einer von vorn gut lesbaren Fläche aufgeschlagen. Auf der tragenden Seite umschließt ein weiter Ärmel den Bereich des Handgelenks; nur das Buch ragt hinaus. Auf der anderen Seite ist die Hand leer. Ihre Fingerspitzen reichen über den Ärmelsaum und fallen gerade herab.

Die beiden Bewegungen haben verschiedenes Gewicht. Das Buch besitzt eckige Kanten und Dicke und bildet mit seinem Vorsprung ein kurzes, deutlich waagerechtes Volumen. Die leere Hand ist schmal und hängt neben dem Gewand. Folgen wir nur dem äußeren Umriss, unterbricht ihn auf einer Seite das Buch, während ihn auf der anderen die Finger ein wenig verlängern. Der verhüllte Körper wird dadurch nicht zu einem symmetrischen kleinen Turm.

Ganzfigurige Ansicht desselben Trauernden von der Buchseite. Gut sichtbar sind die parallelen Linien der Seiten, der dunkle Spalt zwischen den beiden Stapeln und die schräg zur Taille zusammenlaufenden Ärmelfalten. Der Kopf wendet sich in die andere Richtung.
Abb. 2. Die Buchseite. Buchöffnung, Lage des Arms und Ausrichtung des Gesichts zusammen betrachten.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

In Abbildung 2 wirken die Seiten wie Bündel dünner Blätter, die von einem festeren äußeren Rand eingefasst werden. Das Buch ist weder ganz geöffnet noch bündig geschlossen. Dieser kleine Zwischenraum ist wichtig: Er belässt das Buch in einem Zustand, in dem es weiter benutzt werden könnte. Weil Gesicht und Buch auseinanderweisen, scheint zwischen den Bewegungen eine noch nicht verbundene Zeitspanne zu liegen.

Leicht ergänzen wir eine kleine Geschichte: Er hat gerade vom Buch aufgesehen oder neben sich ein Geräusch gehört. Die Skulptur entscheidet sich für keine dieser Geschichten. Sie gibt eine einfachere und dauerhaftere Beziehung vor: ein noch nicht geschlossenes Buch, eine nicht am Halten beteiligte Hand und ein anderswohin gewendetes Gesicht. Unser Blick kann zwischen diesen drei Stellen wechseln und begegnet jedes Mal derselben Verschiebung.

Dadurch gewinnt die Figur innerhalb der Prozession einen eigenen Rhythmus. Ein Trauerzug kann gemeinsam voranschreiten, ohne dass alle zugleich den Kopf senken oder die Hände falten. Die Figur vor uns steht noch immer in Beziehung zum Raum neben sich, auch wenn wir nicht wissen, auf wen genau ihr Blick fällt. Schon diese Richtung öffnet die einzeln ausgestellte Skulptur nach außen.

Auch die Rolle des Gesichts lässt sich damit genauer bestimmen. Brauen und Augen, Nasenflügel und Lippen zeigen feine Erhebungen und Vertiefungen. Was die ganze Gestalt zuerst verändert, ist jedoch, dass Kopf und Schultern nicht mehr in dieselbe Richtung weisen. Selbst wenn wir den Ausdruck vorerst nicht deuten, bleibt sichtbar, wie Aufmerksamkeit von vorn zur Seite wandert.

2. Das Gewand hält die Wendung im Oberkörper

Sehen wir nun von der Brust nach unten. Kaum eine unverhüllte Kontur zeigt unmittelbar, wo Taille, Knie oder Oberschenkel liegen. Das Gewand gibt seine eigenen Richtungen vor.

Unter dem Halsausschnitt zieht eine waagerechte Kante über die obere Brust. Weiter unten senkt sich die Stofffläche zunächst schräg ein, wölbt sich dann vor und bildet aufeinanderfolgende hängende Bögen. Eine längere Kante fällt nahe der linken Schulter herab und reicht an der Körpervorderseite bis zum Saum. Kurze, dicht liegende Falten, breite Hängeflächen und eine fast körperlange Kante finden so am selben Ort zusammen.

Es wird nicht immer dieselbe Welle wiederholt. Die Brustfalten drängen sich aneinander und wenden sich scharf; unterhalb des Bauchs werden die Vertiefungen allmählich größer, die hellen Flächen entsprechend breiter. Beim Blick nach unten scheint sich dieselbe fallende Bewegung zu verlängern. Schließlich biegt der Gewandrand neben den Füßen zurück. Erst die kaum hervortretenden Schuhspitzen erinnern daran, dass in dieser Kleidermasse ein Mensch steht.

Ganzfigurige Ansicht derselben Skulptur von schräg vorn auf der Seite der leeren Hand. Die linke Hand tritt unter den übereinanderliegenden weiten Ärmeln hervor. Kurze Brustfalten treffen auf die lange Hängekante, der Saum reicht fast zum Boden. Der Kopf bleibt aus der Körperachse gewendet.
Abb. 3. Schrägansicht von der Seite der leeren Hand. Kurze Falten, lange Kante und tief liegende Schuhspitzen geben Hinweise von drei unterschiedlichen Längen.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Die Kopfdrehung entwickelt sich dadurch nicht zu einer starken Drehung des ganzen Körpers. Oben weisen Nasenspitze und Kinn nach außen; unten führt der Eindruck von Gewicht im Gewand unseren Blick immer wieder zum Boden. Der Mann kann zur Seite sehen, während die gesamte Masse ruhig bleibt.

Betrachten wir noch einmal die Seite der leeren Hand. Das Schultergewand deckt den Oberarm, darunter liegt ein weiter Ärmel. Nahe der Öffnung faltet sich der Stoff zu einem dunklen Bereich, aus dem die Hand hervortritt. Sie greift weder nach dem Gewand noch erklärt sie mit einer großen Geste ihre Stimmung. Als kleinere, flachere Form schließt sie lediglich an die weite, geschichtete Kleidung an. Neben den Falten wird ihre Ruhe umso deutlicher.

Ganzfigurige Seitenansicht derselben Skulptur von der Seite der leeren Hand. Der Kopf wendet sich den Betrachtenden zu, der Körper wirkt schmaler. Sichtbar sind die Schichten an der Schulter, der weite Ärmel, die herabhängende Hand und die seitliche Tiefe des Gewands.
Abb. 4. Seitenansicht. Die frontal ausgebreitete Gewandbreite zieht sich hier zu einem schmaleren Volumen zusammen; die Schichten zwischen Schulter und Hand werden deutlicher.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Das Museum nennt nur 12,4 cm Tiefe bei 20,3 cm Breite. Diese Zahlen korrigieren den Eindruck des Bildschirms: Die vorn so kräftig und voll wirkenden Falten benötigen keinen ebenso breiten und dicken Steinkörper. Seitlich ist der Umriss enger gefasst, während vorn genügend Erhebungen und Vertiefungen bleiben, um ein ganzes Gefüge von Licht und Schatten zu entfalten.

Darin liegt ebenfalls die Genauigkeit dieser Skulptur. Sie gewinnt Lebendigkeit nicht durch ausgreifende Gliedmaßen, sondern ordnet innerhalb eines kompakten Volumens eine Wendung, einige Vorsprünge und große herabfallende Flächen an. Die kleinen Bewegungen gehen deshalb nicht im Gewand unter. Je gewichtiger es wirkt, desto klarer tritt das angehobene Haupt hervor.

3. Ein heller Stein lässt mehrere Dinge unterscheiden

Aus der Ferne wirkt die Figur beinahe einfarbig. Aus der Nähe beginnt sich diese Einheit aufzugliedern.

Feine Linien liegen in Reihen im Haar und biegen sich entlang der Kopfrundung. Die Wangenflächen sind sanfter, das Licht breitet sich zusammenhängend auf ihnen aus. Der dicke Gewandrand vor dem Hals trägt dagegen dicht gesetzte kurze Ritzungen; auch die Innenseite des weiten Ärmels ist ähnlich fein behandelt. Am Buchschnitt werden die feinen Linien wieder gerade und stehen dicht nebeneinander: Sie weisen auf einen Stapel Papierseiten.

Kurze Linien, lange Linien und glatte Flächen bestehen sämtlich aus hellem Stein, doch das Auge liest sie als unterschiedliche Beschaffenheiten. Buchseiten sollen dünn, regelmäßig und stapelbar sein; Kleidung soll dick sein, sich biegen und an den Rändern umschlagen können; Wangen sollen sich nicht überall wie Stoff falten. Unterschiede der Bearbeitung lassen all diese Dinge im selben Material jeweils für sich bestehen.

Das Museum hebt ausdrücklich hervor, wie die relative Weichheit und gute Schnitzbarkeit des Alabasters für Stoff, Fell und Buchseiten genutzt werden. Material und Einzelheiten Vor den Fotografien bleibt dies kein abstraktes Lob „hervorragender Handwerkskunst“: Die dichte Zeichnung am Hals liegt so nah bei den breiten Brustfalten, dass sich feine Fellwirkung und große Stoffflächen fast in einem Blick vergleichen lassen.

Ganzfigurige Ansicht derselben Skulptur von leicht hinten auf der Buchseite. Hinter dem Kopf schlägt das Gewand um, unter der Schulter fällt es lang herab. Das Buch ragt waagerecht vor; der Größenunterschied zwischen Seitenlinien und Gewandfalten ist gut sichtbar.
Abb. 5. Leicht rückwärtiger Blick von der Buchseite. Feine Seitenlinien und große Wendungen des Gewands bleiben auf derselben kleinen Steinskulptur vereint.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

In Abbildung 5 wirkt das Buch wie ein kurzer vorstehender Balken; dahinter fällt das Gewand in breiten Bahnen herab. Vom Gewand zum Buchschnitt wandernd scheint der Blick plötzlich den Maßstab zu verkleinern: Eben bewegten wir uns noch über eine Stofffläche, jetzt zählen wir dünne Kanten. Das Werk ist tatsächlich nur einundvierzig Zentimeter hoch. Der Wechsel von großer Fläche zu feiner Linie vollzieht sich auf sehr kurzer Strecke.

Auch der Stein selbst verschwindet nicht. Auf den Fotos ziehen blassbraune Zeichnungen durch die hellen Gewandflächen, nicht immer entlang der Faltung des „Stoffs“. So bleiben nachgebildetes Gewebe und tatsächliches Gestein zugleich sichtbar. Wir müssen nicht jede Linie als Wunde der Zeit erklären. Sichtbare Farblinien, Oberflächenspuren und Restaurierungsfugen können verschiedene Ursachen haben, die sich allein anhand der Fotos nicht einzeln bestimmen lassen.

Lohnender ist die Beobachtung, dass die Einheit des Materials die Unterschiede der Oberflächen nicht einebnet. Aus der Ferne bleibt die ganze Figur eine helle, stabile Masse; aus der Nähe zeigen Fell, Stoff, Haut und Papierseiten ihre unterschiedlichen Rhythmen. Die kleine Skulptur erlaubt dadurch zwei Betrachtungsabstände: Zunächst sehen wir den Mann mit dem gewendeten Kopf, aus der Nähe dann, wie die Dinge an ihm jeweils eigenes Gewicht gewinnen.

4. Dieser eine unter vierzig

Beziehen wir nun die Maße und den ursprünglichen Zweck wieder ein.

Die einundvierzig Zentimeter hohe Figur stand ursprünglich unter den Arkaden des Grabmals und bildete mit anderen Trauernden einen Zug. Die Arkaden gliederten dessen Rhythmus, die Menschen nahmen innerhalb dieser architektonischen Ordnung unterschiedliche Haltungen ein. Die heutigen Einzelaufnahmen entfernen die umgebende Architektur und die Nachbarfiguren. Buch und Kopfdrehung treten dadurch stärker hervor, als wäre das Werk immer schon für die Einzelbetrachtung bestimmt gewesen.

Im Zusammenhang des Zuges gewinnt die Seitenwendung auch eine Bedeutung für die Beziehungen. Eine ganz nach vorn gerichtete Figur könnte uns wie ein eigenständiges Porträt gegenübertreten. Dieses gewendete Gesicht lenkt die Aufmerksamkeit hingegen aus dem Bild hinaus. Folgen wir ihm und finden niemanden, dem der Blick gilt, wird uns bewusst, dass der fotografisch leere Raum einmal zu einer größeren Anordnung gehörte.

Dafür müssen wir keinen bestimmten Nachbarn ergänzen. Wiedergewinnen lässt sich vor allem die Größenordnung der Beziehungen: Er war einer von vierzig, beteiligte sich an einer gemeinsamen Trauerzeremonie und unterschied sich zugleich durch Buch, Hände und Kopfrichtung von einer unterschiedslosen Menge. Ursprüngliches Grabmal und Prozession

Durch diese Unterschiede muss ein „Trauernder“ nicht in jeder Einzelheit Weinen vorführen. Die Zeremonie dauert an, das Buch will gehalten werden, ein Mensch blickt auf, die Kleidung fällt weiterhin herab. Das Werk lässt diese konkreten Bewegungen Zeit vermitteln. Wir sehen kein Maß für die Stärke der Trauer, sondern wie ein Mensch sich innerhalb eines noch nicht beendeten Geschehens befindet.

Auch Original und heutiges Grabmal müssen auseinandergehalten werden. Das Cleveland Museum erläutert ausdrücklich, dass am Grabmal in Dijon heute ein Gipsabguss dieses Trauernden steht. Das auf den Fotos gezeigte Original aus Salins-Alabaster befindet sich dagegen in Cleveland. Es kam 1940 in die Sammlung. Die Oberfläche des heutigen Ersatzes am Grabmal ist nicht dieselbe materielle Oberfläche wie der Stein auf diesen Bildern. Sammlungseintrag und Provenienz

Diese Unterscheidung hilft, Gewinn und Verlust des heutigen Betrachtens zu verstehen. Einzelaufnahmen machen Seitenansichten, Buchseiten und Gewandränder leichter zugänglich. Die Verbindungen mit Prozession und Arkaden müssen wir dagegen anhand von Quellen neu erschließen. Beides bietet nicht dieselbe Erfahrung.

Sehen wir erneut auf Abbildung 1: Das Buch bleibt tief gehalten, das Gesicht nach seitlich oben gewandt. Das Gewand hat seine Auflagepunkte nicht verlassen. Gerade diese ungleichzeitigen Bewegungen machen den Trauernden immer wieder sehenswert. Ein Mensch innerhalb einer gemeinsamen Zeremonie bekommt eine eigene Pause, und die Skulptur bewahrt sie in wiederholt betrachtbaren Formen.

Optionale Lektüre: Mit SAE sichtbare Form und erwartete Bewegung unterscheiden

Zwei verschiedene Richtungen ermöglichen einen weiteren Blick. Die erste beginnt damit, wie Stein erscheint; die zweite fragt, wie wir eine Bewegung in einen Zusammenhang einfügen.

Non Dubitos „Wenn das Licht schwindet, erscheint der Garten anders“ behandelt Wahrnehmungsschönheit: Wie sich ein Gegenstand zeigt, hängt von ihm selbst ab, wird aber auch durch Licht und Sinnesbedingungen vermittelt. Haben wir etwas erkannt, ist damit die Aufgabe der Wahrnehmung noch nicht abgeschlossen. Essay zur Wahrnehmungsschönheit, auf Englisch

An Hals und Brust in Abbildung 3 angewandt, bringt diese Unterscheidung einen konkreten Gewinn. Wir wissen bereits, dass Kleidung dargestellt ist. Dennoch haben die kleinteiligen Hell-Dunkel-Wechsel der kurzen Ritzungen einen anderen Rhythmus als die durchgehend hellen Flächen der breiten Falten. Erstere verlangen Nähe, Letzteren lässt sich auch aus größerem Abstand folgen. Selbst ohne weitere Benennungen bleibt sehenswert, wie diese Fläche aufleuchtet und jene Linie einsinkt.

Zugleich erinnert uns das daran, nicht alle dunklen Farben der Fotografien dem Stein zuzuschreiben. Die tiefe Dunkelheit in Falten entsteht teilweise durch Vertiefung und Aufnahmebeleuchtung; blassbraune Linien auf flacheren Stellen hängen dagegen nicht auf dieselbe Weise von Erhebungen und Vertiefungen ab. Unterscheiden wir beides zunächst, können wir genauer sagen, was Kleidung dick erscheinen lässt und wodurch das Gestein sichtbar bleibt. Schönheit verlangt hier nicht, dass uns der Gesichtsausdruck erfreut. Sie liegt darin, dass diese Unterschiede umfassend erscheinen können.

Die zweite Richtung ergibt sich aus „Der Ton ist noch nicht erklungen. Du wartest schon darauf.“ Dieser Essay zur Erkenntnisschönheit fragt, wie Erinnerung am nächsten Augenblick beteiligt ist. Aufgrund vertrauter Erfahrung erwarten wir einen Klang oder eine Straßenecke. Werden solche Erwartungen enttäuscht, müssen wir klären, ob Erinnerung, gegenwärtiges Urteil oder unser Verständnis der jeweiligen Fassung zu korrigieren sind. Essay zur Erkenntnisschönheit, auf Englisch

Beim Mann mit dem Buch entsteht leicht eine ähnliche Erwartung. Buch und Hand lassen uns vielleicht ein zum Lesen gesenktes Gesicht erwarten. Der Blick steigt weiter, doch das Gesicht weist zur anderen Seite. Da stellt sich womöglich von selbst der Gedanke ein: „Er hat gerade aufgehört zu lesen.“ Dieser ergänzte vorige Augenblick ist nicht in die Buchseiten gemeißelt. Er kommt aus unserer vertrauten Erfahrung mit Halten und Lesen eines Buchs.

Verändern wir gedanklich nur eine Bedingung: Das Buch sei vollständig geschlossen, die übrige Haltung bleibe gleich. Der Seitenblick funktioniert weiterhin, doch der Eindruck einer vorübergehend unterbrochenen Lektüre könnte schwächer werden. Kehren wir zum wirklichen Foto zurück, ist der dunkle Spalt zwischen den Seiten nicht bloß fein ausgearbeitet. Er wirkt daran mit, wie wir die Bewegung zeitlich ordnen. Dieser Vergleich dient dem Betrachten und beweist nicht, dass die Figur tatsächlich gerade etwas gelesen hat.

Die beiden Strahlen stellen daher unterschiedliche Fragen. Die Wahrnehmungsrichtung fragt: Wie erscheinen kurze Ritzungen, breite Flächen und dunkle Spalten auf den Fotos tatsächlich? Die Erkenntnisrichtung fragt: Welche nicht sichtbare Bewegungsfolge ergänze ich anhand dessen? Vermischen wir beides, wird eine anschauliche kleine Geschichte leicht zu einer vermeintlich vom Werk mitgeteilten Tatsache. Halten wir es auseinander, kann die Vorstellung lebendig bleiben, und wir wissen zugleich, wo sie beginnt.

Gerade diese kleine Figur eignet sich für ein solches Hin und Her. Sie gibt den Buchseiten eine hinreichend klare Form und lässt den Blick des Mannes das Buch verlassen. Die Skulptur bewahrt eine stabile Beziehung. Die Erfahrung der Betrachtenden gibt dieser Stabilität eine Zeit, deren Vorher und Nachher zusammenfinden und doch nicht vollständig ineinandergreifen.

Hinweise zu Bildern und Quellen

Dieser Essay verwendet fünf vom Cleveland Museum of Art veröffentlichte Fotografien desselben Objekts mit der Inventarnummer 1940.129, darunter schräge Vorderansichten und unterschiedliche Ansichten beider Seiten. Die Dateien bleiben im Zustand des offiziellen Downloads, ohne Farbkorrektur, erneute Kompression, Beschnitt, Ergänzung oder Generierung. Licht, Objektiv und Hintergrund gehören zu modernen Aufnahmebedingungen. Daraus wurde keine tatsächliche Beleuchtung am ursprünglichen Grabmal rekonstruiert.

Alle fünf Abbildungen zeigen Objekt 1940.129. Der Dijoner Abguss und das Original in Cleveland werden im Text unterschieden. Werktitel, Zuschreibung, Datierung, Material, Maße und Bezug zum ursprünglichen Grabmal folgen dem aktuellen Museumseintrag. Rhythmus der Haltung und Zeitgefühl sind bildgestützte Deutungen dieses Essays. Einzelne Bildquellen stehen im Bildnachweis, Quellen und weiterführende Lektüre in den Literatur- und Quellenangaben.

Quellen (auf Englisch)

English

Cleveland 1940.129, Salins alabaster, 1443–1445, 41 × 20.3 × 12.4 cm. The original is in Cleveland; the figure on the Dijon tomb today is a plaster cast.

The linked institutional records supply identification and historical context. The close reading and optional SAE connections are the essay’s interpretation, not claims attributed to the artist.

1. www.clevelandart.org

2. nondubito.net

3. nondubito.net

Bildnachweise und Nutzung (auf Englisch)

Die Website enthält WebP-Bilder in einer für die Lektüre geeigneten Größe, auch Details und weitere Ansichten. Ein Klick öffnet die Werkseite des Museums; die Originaldateien in voller Auflösung werden hier nicht bereitgestellt. Maße, Dateinamen, Ausschnittkoordinaten und Prüfsummen unten dokumentieren die archivierten Quelldateien, nicht die Webvorschaubilder.

English

Five museum photographs of Cleveland 1940.129, released under CC0.

The website serves WebP previews. Original dimensions and checksums refer to the archived files.

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