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NON DUBITO · Architektur · Westliche Architektur

Das Bauhaus in Dessau: Zwischen Glas und Stütze

Eine mächtige quadratische Stütze besetzt die linke Seite des Fotos.

In diesem Essay
Werkstattflügel im Bau, 1926: Ise Gropius und ein Hund zwischen Säulen und Verglasung.
Werkstattflügel im Bau, 1926: Ise Gropius und ein Hund zwischen Säulen und Verglasung. Bildnachweis: In der angeführten Quelle ist kein Fotograf genannt. © Stiftung Bauhaus Dessau (I 14292 F) / © (Gropius, Walter) VG Bild-Kunst, Bonn [Jahr] / Image by Google. Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Eine mächtige quadratische Stütze besetzt die linke Seite des Fotos. Rechts stehen dicht gereihte Metallfensterrahmen; einige Flügel sind bereits geöffnet. Die feinen Rahmenlinien ziehen sich am Boden entlang in die Ferne. Dazwischen bleibt ein Spalt, durch den ein Mensch gehen kann. Etwas weiter hinten steht eine Frau mit Hut neben einer Stütze, ein kleiner Hund läuft auf sie zu.

Dieses Baustellenfoto von 1926 entstand im Werkstattflügel des Dessauer Bauhauses. Die Frau ist Ise Gropius. Auf dem Boden liegen noch Materialreste, die Stützen haben noch nicht ihre glatten fertigen Oberflächen erhalten. Das Foto macht etwas unvermittelt deutlich, das sonst leicht hinter einem schönen Äußeren verborgen bleibt: Die Stützen stehen innen, die Fensterfläche verläuft außen. Zwischen beiden liegt tatsächlich ein Abstand. Das Baustellenfoto des Werkstattflügels ansehen

Von diesem Abstand aus lässt sich die berühmte Glasfläche des Bauhauses besser lesen. Sie erlaubt der Gebäudekante, sich zusammenhängend zu entfalten, und bringt zugleich die dahinterliegenden Stützen, Träger und Geschosse ins Blickfeld. Transparenz lässt das Gebäude nicht verschwinden. Sie zeigt die unterschiedlichen Orte mehrerer Aufgaben, die in einer massiven Wand leicht zusammenfallen.

Das Schulgebäude wurde vom privaten Architekturbüro Walter Gropius’ entworfen und am 4. Dezember 1926 eröffnet. Mit dem Umzug nach Dessau erhielt die Schule die Möglichkeit, sich ein neues Haus zu bauen. Eine eigene Architekturabteilung gab es am Bauhaus damals noch nicht; sie wurde erst 1927 eingerichtet. Das Bauwerk vor uns ist sowohl ein Hauptwerk moderner Architektur als auch ein materieller Bestand, der Kriegsschäden und mehrere Restaurierungen erfahren hat. Betrachten wir es zunächst als ein Haus im Entstehen und später als eines, um das man sich immer wieder kümmern musste, bleibt vom Glas mehr als ein Zeichen des Modernismus. Gebäudevorstellung der Stiftung

1 Zwei Raster in verschiedenen Ebenen

Die kräftigen Stützen des Baustellenfotos schließen oben an Träger an, die sich einer nach dem anderen ins Innere ziehen. Das Raster der Fensterfläche rechts ist viel feiner und dichter wiederholt. Grobe und feine Glieder bilden jeweils Reihen, liegen aber nicht auf demselben Blatt: außen die Fensterrahmen, innen die Stützenreihe, dazwischen noch sichtbarer Boden.

Dieser Dichteunterschied ist nicht bloß ein fotografischer Effekt. Die Materialforschung der Stiftung benennt ausdrücklich ein tragendes Stahlbetonskelett. Glas und Metallrahmen bilden die äußere Hülle der Werkstätten, während das Skelett die wesentliche Tragaufgabe übernimmt. Das Foto gibt dieser Arbeitsteilung einen sichtbaren Abstand. Erst die Materialbeschreibung ermöglicht es, genau zu sagen, was die einzelnen Teile leisten. Stiftung: „Glas, Beton, Metall“

Sehen wir nun auf die Schatten an der quadratischen Stütze. Waagerechte Fensterrahmen werfen ihre Linien auf deren Fläche. Der Rhythmus des feinen Rasters durchquert die Luft und liegt vorübergehend auf der kräftigen Stütze. Wirklicher Rahmen und Schatten befinden sich an zwei Orten; Hell und Dunkel legen sie übereinander. Dadurch wird die Stütze nicht dünner, und das feine Fenster wird nicht zum Tragglied. Gerade diese zeitweilige Überlagerung, die sich wieder auflösen lässt, verleiht dem Foto mehr Gehalt als einer bloßen Begriffsillustration zur „Vorhangfassade“.

Die geöffneten Fensterflügel drehen das Raster zudem aus seiner Ebene heraus. Die entfernte Reihe wirkt wie kleine dünne Platten, die aus der Fassade ragen. Der Gebäudeumfang enthält also bedienbare Bauteile: mit Gelenken, Öffnungs- und Schließbewegungen, angewiesen auf menschlichen Gebrauch. Die Kontinuität der Glaswand nimmt an diesen Stellen kleine Handlungen auf. Der Hund zwischen Stütze und Fenster gibt dem Abstand der beiden Raster zufällig einen ganz alltäglichen Maßstab.

2 Erst um die Ecke wird das Glas zur Haut

Legen wir das Baustellenfoto neben die Südwestansicht von 2011. Rechts wirkt die graue Wand mit dem senkrechten Schriftzug „BAUHAUS“ massiv; sie besitzt nur wenige waagerechte Fensteröffnungen. Links überzieht ein feines Raster die lange Werkstattfassade. Beide treffen am Ende desselben Baukörpers zusammen. Die Außenansicht von 2011 ansehen

Restaurierte Südwestansicht, 2011: Das Glasraster des Werkstattflügels biegt zur massiven Wand um.
Restaurierte Südwestansicht, 2011: Das Glasraster des Werkstattflügels biegt zur massiven Wand um. Bildnachweis: Yvonne Tenschert. © Stiftung Bauhaus Dessau / Foto: Tenschert, Yvonne, 2011. Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Die Glasfläche biegt von der Längsseite um die Ecke und lässt neben der grauen Stirnwand einen schmalen Rücklauf stehen. Der Blick kann den feinen Rahmen um die Ecke folgen, bevor er auf die massive graue Wand stößt. Dieser kurze Richtungswechsel ist wichtig: Er zeigt eine außen herumgelegte Fläche und nicht nur viele Fenster, die aus einer großen Wand ausgeschnitten wurden.

Allerdings ist das Glas im Foto nicht überall gleich durchsichtig. Hellere Felder häufen sich oben im Vordergrund, andere erscheinen grau und dunkel. Manche Stellen geben kräftigere senkrechte und waagerechte Linien im Inneren frei; anderswo fällt zuerst der Glanz der Oberfläche auf. Je mehr wir diese Haut als Luft behandeln möchten, desto deutlicher begegnen wir ihrer eigenen Farbe, ihren Fugen und Spiegelungen.

Hier sind zwei Betrachtungsdurchgänge möglich. Zunächst folgt man nur den feinsten Fensterrahmen: Die lange Fassade erscheint dann als zusammenhängendes Netz. Sucht man anschließend dahinter die kräftigeren Stützen und Geschosskanten, kommt Tiefe in dieses Netz. Beide Ordnungen decken sich manchmal und verschieben sich dann wieder gegeneinander. Die Kraft des Glases liegt darin, dass es diese Schichten zugleich erscheinen lässt, nicht darin, unterschiedslos alles Dahinterliegende preiszugeben.

Auch die graue Stirnwand beteiligt sich daran. Weiße Buchstaben treten aus der Wand hervor und werfen klare Schatten; die benachbarten Fensteröffnungen weichen nach innen zurück. Vorspringende Schrift, eingeschnittene Fenster und seitlich weiterlaufendes Glas zeigen auf engem Raum drei Oberflächentiefen. Der Schulname steht damit auf einer Wand von spürbarer Dicke, während sich das Werkstattraster nach hinten entfaltet. Kein einheitlicher Transparenzeffekt ebnet das ganze Gebäude ein.

3 Eine Schule braucht mehr als eine Art von Außenwand

Die Luftaufnahme von 1926 ordnet die Glasfläche wieder in die gesamte Schule ein. Sie gehört zum breiten Werkstattkörper im Vordergrund. Ein anderer Flügel links hinten ist in lange Fenster- und weiße Wandbänder geschichtet; der höhere Baukörper rechts hinten hat kleinere Öffnungen. Flachdächer bilden eine abknickende Kontur, während Höhe und Ausdehnungsrichtung der Baukörper voneinander abweichen. Die Luftaufnahme von 1926 ansehen

Luftbild, 1926: unterschiedliche Baukörper von Werkstätten, Brücke und weiteren Schulflügeln.
Luftbild, 1926: unterschiedliche Baukörper von Werkstätten, Brücke und weiteren Schulflügeln. Bildnachweis: Junkers Luftbild. © Stiftung Bauhaus Dessau (I 14382 F) / (Gropius, Walter) VG Bild-Kunst, Bonn 2023 / Image by Google. Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Die Nutzungsbeschreibung hilft, diese Unterschiede zu verorten. Der dreigeschossige Werkstattflügel ist über eine zweigeschossige Verwaltungsbrücke mit der nördlichen Berufsschule verbunden. Auf der anderen Seite führt ein niedriger Verbindungsbau mit Eingangshalle, Aula und Speisesaal zum fünfgeschossigen Atelier- und Wohnhaus der Studierenden, dem Prellerhaus. Herstellen, Unterrichten, Zusammenkommen und Wohnen wurden nicht in einen einzigen großen Kasten von einheitlichem Aussehen gepackt.

Besonders nützlich ist die Luftaufnahme, weil sie verschiedene Verhältnisse von Fenster und Wand zugleich zeigt. Die Werkstattfront ähnelt einem einzigen feinen Netz, der Nordflügel zieht die Öffnungen zu langen Bändern zusammen, das Wohnhaus gliedert seine Fassade mit den Öffnungen und Balkonen einzelner Zimmer. Zusammen bilden sie die Schule, unterscheiden aber die Arten, in denen Innen und Außen zusammentreffen. Die Prägnanz der gläsernen Werkstätten verdankt sich auch den weiterhin recht massiven Wänden in ihrer Nähe.

Eine Aufnahme des Prellerhauses von etwa 1927 macht den Unterschied konkreter. Nahe der Kamera steigt eine weiße Ecke vom Boden bis zum Dach auf. Rechts kragen zahlreiche kleine Balkone geschossweise aus. Ihre Geländer sind schlank, doch die Unterseiten der Balkonplatten zeigen deutliche Dicke. Auf verschiedenen Ebenen stehen Menschen, einige beugen sich hinaus. Ihre Körper machen die Beziehung zwischen einer Öffnung, einer auskragenden Platte und einem Wohnraum lesbar. Das Prellerhaus um 1927 ansehen

Prellerhaus von Südosten, um 1927: Menschen stehen auf den übereinander auskragenden Balkonen.
Prellerhaus von Südosten, um 1927: Menschen stehen auf den übereinander auskragenden Balkonen. Bildnachweis: Erich Consemüller; Stiftung Bauhaus Dessau / Klassik Stiftung Weimar. © Stiftung Bauhaus Dessau (I 46163/1-2) / Klassik Stiftung Weimar, Bauhaus-Museum (Dauerleihgabe aus Privatbesitz) / (Consemüller, Erich) Consemüller, Stephan. Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Das feine Werkstattnetz macht einen großen Innenraumbereich hinter der Fassade sichtbar; der kleine Balkon gibt einem einzelnen Zimmer einen nach außen reichenden Standplatz. Mit denselben Mitteln aus Fläche, Gerade und Wiederholung kann Architektur unterschiedliche Maßstäbe bilden. Die benachbarten Menschen auf dem Foto belegen auch kein ideales Gemeinschaftsleben der Schule. Sicher benennen lassen sich die Platte, auf der jeder steht, und die Öffnung zwischen Platte und Zimmer.

4 Farbe ordnet die Bauteile neu

Im Foto der Berufsschultreppe von 2011 kehrt etwas zurück, das in schwarz-weißen Architekturgeschichtsbildern leicht verlorengeht. Orangerot steigt an einer schrägen Brüstungswand auf, darüber behält ein schwarzer Handlauf seine schlanke Kontur. Weiter oben liegt Gelb an der Unterkante eines Trägers und in Deckenbereichen, während Graublau und Weiß größere Flächen einnehmen. Die farbige Treppe ansehen

Treppenhaus der Berufsschule, 2011: Rekonstruierte Farben gliedern Brüstung, Balken und Decke.
Treppenhaus der Berufsschule, 2011: Rekonstruierte Farben gliedern Brüstung, Balken und Decke. Bildnachweis: Yvonne Tenschert. © Stiftung Bauhaus Dessau / © (Gropius, Walter) VG Bild-Kunst, Bonn 2023 / Foto: Tenschert, Yvonne, 2011. Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Folgt man dem Handlauf, bleibt die Richtung kontinuierlich. Folgt man der orangeroten Brüstung, tritt der schräge Körper hervor. Beim Wechsel zum Gelb hält der Blick an einer waagerechten Kante oben an. Die Farben bilden kein von der Architektur unabhängiges Gemälde. Sie haften an verschiedenen Seiten der Bauteile und lassen die aufsteigende Diagonale, die waagerechte Fläche über dem Kopf und die Tiefe hinter der Wand unterschiedlich stark hervortreten.

Besonders lohnt sich ein Halt an der Wendung links oben. Leuchtendes Gelb trifft auf Grauweiß, die Grenze ändert mit Decke und Trägerkante ihre Richtung. Wer nur „Das Bauhaus verwendete Rot, Gelb und Blau“ behält, übersieht den Ort der Farbe. Eine gelbe Fläche kann eine nach unten gerichtete Seite zuerst sichtbar machen; ein benachbartes Grau lässt eine größere Fläche zurückhaltender erscheinen. Farbe wirkt an der räumlichen Orientierung mit.

Dieses Farbkonzept entwickelten Hinnerk Scheper und die Werkstatt für Wandmalerei. Die heutigen Farben rekonstruieren das historische Konzept so weit wie anhand der Forschung möglich. Eine wichtige Grundlage sind die Farb- und Oberflächenuntersuchungen von 1996 bis 2006. Das Foto zeigt die restaurierte Treppe im Jahr 2011. Es ist kein unmittelbarer Beleg dafür, dass die Farbschichten von 1926 bis heute unverändert erhalten sind. Stiftung: Farbe und Restaurierung

Glas lässt den Blick eine Fläche durchqueren, Farbe lenkt ihn wieder auf eine Fläche zurück. Beide Behandlungen erinnern daran, dass moderne Architektur die Oberfläche nicht abgeschafft hat. Sie kann weiterhin den Blick führen, Kanten betonen und das Gewicht eines Trägers oder Treppenabschnitts im Ganzen verändern.

5 Das Bild kehrt zurück, auch das Material hat eine spätere Geschichte

Auf dem Schadensfoto von etwa 1945 bleibt das feine Raster der langen Werkstattfassade bestehen. Ein großer Teil des Glases ist jedoch zerbrochen; unterschiedlich helle und dunkle Löcher verteilen sich über das frühere Netz. Rechts ist die Stirnwand noch erkennbar, der Schriftzug fehlt. Die zuvor leicht erscheinende Außenhaut legt hier das konkrete Ausmaß der Zerstörung offen. Das Werkstattfoto nach dem Krieg ansehen

Werkstattflügel um 1945 nach großflächiger Zerstörung der Glasfassade.
Werkstattflügel um 1945 nach großflächiger Zerstörung der Glasfassade. Bildnachweis: In der angeführten Quelle ist kein Fotograf genannt. © Bauhaus-Archiv Berlin. Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Das Gebäude wurde bei einem Bombenangriff im März 1945 beschädigt und nach dem Krieg mit Mauerwerk und Holzfenstern provisorisch instand gesetzt. Auf der Westansicht von etwa 1964 besitzt der Werkstattflügel bereits breite waagerechte Wandbänder. Fenster sind weiterhin zahlreich, die Geschosse bleiben deutlich. Doch der Blick liest eine andere Reihenfolge: zuerst massive Wandstreifen, die die Ebenen trennen, dann die Fenster dazwischen. Die Außenansicht um 1964 ansehen

Westansicht um 1964: horizontale Wand- und Fensterbänder nach den Nachkriegsumbauten.
Westansicht um 1964: horizontale Wand- und Fensterbänder nach den Nachkriegsumbauten. Bildnachweis: In der angeführten Quelle ist kein Fotograf genannt. © Stiftung Bauhaus Dessau (I 50096/1-15). Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Im Vergleich mit dem Foto von 2011 wird die Bedeutung des früheren durchgehenden Netzes verständlich. Geschosse gibt es in beiden Erscheinungsbildern. Entscheidend ist, ob zunächst undurchsichtige äußere Bänder sie markieren oder ob man sie hinter dem Glas liest. Die Vorhangfassade verändert nicht nur die Fensterfläche, sondern auch die Reihenfolge, in der das Bauwerk seine Schichten zeigt.

Die Restaurierung von 1976 stellte ein dem ursprünglichen Zustand nahes Erscheinungsbild wieder her. Eine neue Aluminium-Glas-Konstruktion ersetzte die zerstörte Stahl-Glas-Fassade. Das heutige feine Netz verweist daher zugleich auf den Entwurf von 1926 und auf spätere Entscheidungen zur Erhaltung des Gebäudes. Stiftung: die Glasvorhangfassade

Zurück beim ersten Baustellenfoto überzeugt der schmale Bodenstreifen zwischen Stütze und Fenster weiterhin am meisten. Er gibt der „Glasarchitektur“ Dicke: außen Fenster, die hergestellt, geöffnet, geschlossen und gepflegt werden müssen; innen ein gewichtiges Skelett; dazwischen Menschen und ein Hund. Hier macht das Bauhaus eine neue architektonische Beziehung sichtbar. Die späteren Schäden und Restaurierungen zeigen zudem, dass schon die Erhaltung dieser Sichtbarkeit fortwährende Arbeit verlangt.

Optionale Weiterlektüre | Wie eine Wand ihre spätere Geschichte bewahrt

Han Qins „The Wood Still Holds That Dry Year“ (englischer Essay) behandelt die Schönheit der Kausalität: Vergangenes lässt sich über tatsächlich hinterlassene Wirkungen befragen; die Deutung von Spuren muss einer Prüfung an Material und Aufzeichnungen standhalten. Aus diesem Blickwinkel von SAE (Self-as-an-End) können wir die vollständige Glasfassade kurz verlassen und uns einer kleinen freigelegten Wandstelle zuwenden.

Die Stiftung hat ein Foto einer Farbuntersuchung von 2021 veröffentlicht. In einer großen graublauen Fläche liegen unregelmäßige ockerfarbene, cremeweiße und orange Bereiche offen. In der Mitte befindet sich eine tiefere, rauere Öffnung. Daneben liegt eine Dokumentationskarte mit Maßstab; ein schmaler Abschnitt trägt zusätzlich Markierungen zur Unterscheidung der einzelnen Schichten. Das Foto der Farbuntersuchung von 2021 ansehen

Farbschichtuntersuchung 2021 am Treppenabgang zum Sockelgeschoss des Werkstattflügels; eine andere Treppe als die Berufsschultreppe von 2011.
Farbschichtuntersuchung 2021 am Treppenabgang zum Sockelgeschoss des Werkstattflügels; eine andere Treppe als die Berufsschultreppe von 2011. Bildnachweis: Yvonne Tenschert. © Stiftung Bauhaus Dessau / Foto: Tenschert, Yvonne, 2021. Quelle / vollständiges Bild. Eine Genehmigung zur Wiedergabe wurde nicht eingeholt.Gebäude und Abbildungen auf der offiziellen Seite ansehen ↗

Folgen wir zunächst der Grenze zwischen Graublau und Ocker und betrachten anschließend die Tiefe der rauen Öffnung in der Mitte. Hier erscheint mehr als ein alter Farbfleck. Spätere Überdeckungen und ihre Freilegung durch Forschende bringen verschiedene, zuvor in derselben Wand verborgene Oberflächenschichten gleichzeitig vor Augen. Auch die Dokumentationskarte verändert das Lesen: Diese Flecken werden verortet, gemessen und verglichen.

Zwei konkrete Fragen können folgen: Welche Ränder stammen vom Streichen oder Überdecken, welche von der jetzigen Untersuchung? Welche Farbschicht lässt sich mit einem bestimmten Jahr oder Entwurf verbinden? Das Foto zeigt Schichtungen; genaue Datierungen müssen die Untersuchungsprotokolle liefern. Die tiefste Schicht ist nicht automatisch die erste, und nicht jede Öffnung ist natürliche Alterung.

Diese Betrachtung unterscheidet sich von derjenigen der vollständigen Treppe. Das Treppenfoto macht ein rekonstruiertes Farbkonzept erneut als Raumerfahrung zugänglich. Das Untersuchungsfoto einer anderen Wand lenkt die Aufmerksamkeit auf bruchstückhafte materielle Hinweise, mit denen frühere Farbschichten erkannt werden. Bewundernswert ist nicht eine Wand, die „umso echter ist, je beschädigter sie aussieht“, sondern die behutsame Lesbarkeit der Vergangenheit durch noch vorhandenes Material.

Zum Schluss bleiben wir bei der kleinen Dokumentationskarte. Sie fällt weniger auf als die orangerote Schräge der Treppe. Doch sie macht aus einer fleckigen Wand einen erneut überprüfbaren Befund. Die spätere Geschichte des Bauwerks hat hier einen bestimmten Ort erhalten.

Bilder und Quellen

Dieser Text betrachtet Fotografien der Stiftung Bauhaus Dessau genau; er ist kein Bericht über einen Besuch vor Ort. Baustellenfoto und Luftaufnahme von 1926 sowie die Prellerhaus-Aufnahme von etwa 1927 sind historische Bilder. Die Außen- und Treppenaufnahmen von 2011 zeigen restaurierte Zustände. Fotos von etwa 1945 und 1964 dienen dem Vergleich von Veränderungen. Aufnahmerichtung und Ausschnitt sind nicht identisch und erlauben keine präzisen Maßvergleiche.

Quellen (auf Englisch)

English

The building opened in December 1926 and was designed by Gropius’s private office. Its curtain wall was damaged in 1945 and reconstructed using aluminium and glass in 1976; historical appearance does not establish original material continuity.

The linked institutional records provide historical and material context. Interpretive comparisons belong to the essay and are not claims about an architect’s unrecorded intentions.

1. bauhaus-dessau.de

2. bauhaus-dessau.de

3. bauhaus-dessau.de

4. bauhaus-dessau.de

5. bauhaus-dessau.de

6. bauhaus-dessau.de

7. bauhaus-dessau.de

8. bauhaus-dessau.de

9. bauhaus-dessau.de

10. bauhaus-dessau.de

11. bauhaus-dessau.de

12. nondubito.net

13. bauhaus-dessau.de

Bildnachweise und Nutzung (auf Englisch)

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