Non Dubito
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NON DUBITO · Skulptur · Westliche Skulptur

Houdons Voltaire: Wie ein Gesicht zum öffentlichen Porträt wird

Mundwinkel, Augenhöhlen und nackte Schultern: Ein öffentliches Bildnis lässt sich nicht auf einen Ausdruck festlegen.

In diesem Essay

Die Mundwinkel sind schon angehoben, die Augen bewahren noch eine andere Richtung.

Die dünnen Lippen liegen aneinander, ihre Winkel heben sich nach außen. Vertiefungen neben den Nasenflügeln ziehen sich nach unten und fassen Mund und Kinn ein. Weiter oben liegen die Lider tief, doch in den Augen bleiben dunkle Punkte erkennbar. Sie gehen nicht im Lächeln unter. Zuerst scheint uns ein Lächeln zu begrüßen; dann entdecken wir, dass dieses Gesicht noch auf etwas anderes achtet.

Farbige Gesamtaufnahme von Houdons Voltaire von schräg vorn. Der weiße Marmor zeigt einen alten Mann mit kahlem Scheitel und angehobenen Mundwinkeln. Unter dem nackten Hals und Brustansatz schließt sich ein dunkelgrauer runder Sockel an.
Abb. 1. Jean-Antoine Houdon, Voltaire (François-Marie Arouet, 1694–1778), 1778. Marmorbüste mit grauem Marmorsockel; vom Museum angegebene Höhe: 47,9 cm. The Metropolitan Museum of Art, New York, 1972.61, Purchase, Mr. and Mrs. Charles Wrightsman Gift, 1972. Alle fünf Abbildungen zeigen dieses eine Werk; die Museumsaufnahmen sind gemeinfrei. SammlungseintragBilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Keine Jacke liegt auf den Schultern, kein Halstuch um den Hals, keine üppige Perücke auf dem Kopf. Außer dem Gesicht bleiben nur ein schmaler Hals, Schlüsselbeine und ein kleiner Brustabschnitt. Wenn uns dieser Mensch gegenübertritt, fehlen die meisten Hinweise seiner alltäglichen Kleidung. Umso bestimmter erscheinen die Erhebungen und Vertiefungen des Gesichts.

Voltaire war ein Schriftsteller und Denker der französischen Aufklärung im 18. Jahrhundert. Als er 1778 im hohen Alter nach Paris zurückkehrte, wurde er begeistert empfangen. Vor seinem Tod saß er Houdon mehrfach Modell. Diese auf 1778 datierte Marmorbüste gehört zu dem Bildnis, das bei jenen Sitzungen entstand. Später kam sie in die Sammlung Stroganow in Sankt Petersburg und stand dort zusammen mit Houdons Büste Diderots. Hintergrund der Porträtsitzungen; Sammlungsgeschichte dieses Werks

Diese Herkunft gibt unserer Begegnung zusätzliches Gewicht. Das Gesicht eines bestimmten alten Menschen wurde zu einem Porträt, das man sammeln, ausstellen und weit fortbringen konnte. Es sollte den Eindruck unmittelbarer Nähe erwecken und zugleich nach der Trennung vom Dargestellten weiterhin den Namen „Voltaire“ tragen.

1. Das Lächeln nimmt nicht das ganze Gesicht ein

Beginnen wir mit der Vorderansicht und halten getrennt bei Mund und Augen inne.

Schwarz-weiße Vorderansicht derselben Büste. Die geschlossenen Lippen bilden einen flachen Bogen; unter den Lidern liegen Wölbungen und Vertiefungen. Der untere Rand der nackten Schulter- und Brustpartie bildet über dem dunklen Sockel einen Kreisbogen.
Abb. 2. Vorderansicht. Mundbogen, Wendungen neben den Nasenflügeln und Blickrichtung lassen sich hier einzeln betrachten.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Die Lippen öffnen sich nicht, keine Zähne werden sichtbar. Das Lächeln konzentriert sich auf einen schmalen Rand: Die Oberlippe ist dünn, unter der Unterlippe liegt ein breiteres, flacheres Kinn. Heben sich die Mundwinkel, tritt dieser mittlere Kinnbereich stärker hervor. Das Lächeln lebt nicht von einer übertriebenen Öffnung, sondern vom Zusammenspiel einer schmalen Linie mit einer breiten Fläche.

Die Wangen sind nicht voll. Seitlich der Nasenflügel senken sich schräge Vertiefungen ab; die Jochbeine weiten sich nach außen, nahe den Mundwinkeln zieht sich die Fläche wieder zurück. Das Lächeln macht aus dem Gesicht daher keine gleichmäßig gewölbte Kugel. Es ereignet sich in einem Gesicht mit Kanten, Hohlräumen und unterschiedlichen Stärken. Auch die erschlafften Partien unter den Augen bleiben bestehen; die angehobenen Mundwinkel lassen sie nicht verschwinden.

Sehen wir auf die Augen. Zwischen den Brauen steigt eine Falte auf, die Brauenbögen bilden keine gerade waagerechte Linie. Die Oberlider verdecken einen Teil der Augäpfel; darunter bleibt eine deutliche Richtung erkennbar. Selbst wenn uns der Mund freundlich erscheint, können die Augen das Gefühl vermitteln, beobachtet oder geprüft zu werden. Lesen wir den Mund als spöttisch, unterstützen die Augen wiederum keine übertrieben scharfe Gebärde. Die Gesichtspartien tragen gemeinsam den Ausdruck, ohne einander abschließend zu erklären.

Gerade die begrenzte Reichweite des Lächelns hält den Blick fest. Es ist deutlich da, ohne das ganze Gesicht für sich zu beanspruchen. Verschlingt ein Ausdruck alle Formen, finden Betrachtende rasch ein vollständiges Gefühlswort. Dieses Gesicht lässt Mund, Augen, Jochbeinen und Kinn ihren eigenen Platz. Erst im Wechsel zwischen ihnen spüren wir das Maß des Lächelns.

„Geistreich“, „skeptisch“ oder „sanft“ wären mögliche Lesarten. Lohnender ist die Frage, warum sie vor demselben Gesicht wechseln können. Die geschlossenen Lippen, gehobenen Mundwinkel und die bewahrte Augenrichtung senden nicht ganz gleiche Signale. Der Stein verändert sich nicht, wohl aber die Verteilung unserer Aufmerksamkeit auf seine Einzelheiten.

2. Das Gesicht tritt vor, der Hals fängt es auf

Die Seitenansicht zeigt, dass dieses Lächeln nicht auf einer ebenen Fläche liegt.

Seitenansicht derselben Büste mit dem Gesicht nach rechts im Foto. Lange Nase und Kinn treten vor, die Wange zieht sich ein, der schmale Hals steigt aus dem Bruststück auf. An der Schnittkante hinter der Schulter sind Houdons Signatur und die Jahreszahl 1778 sichtbar.
Abb. 3. Seitenansicht. Nasenspitze, Mund und Kinn verfolgen, dann zur tiefen dunklen Einziehung vor dem Hals wechseln.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Die Stirn wendet sich nach vorn und unten, die Nase springt aus dem Umriss hervor. Darunter zieht sich die Linie plötzlich zurück; weiter hinten schließen sich die Lippen, dann schiebt sich das Kinn erneut vor. Der äußere Umriss läuft nicht glatt von der Stirn zur Brust, sondern geht mehrmals vor und zurück.

Diese Wendungen geben den frontal schwerer unterscheidbaren Beziehungen Tiefe. Der Mund liegt nicht am vordersten Punkt direkt unter der Nasenspitze, und das Kinn ist kein kleines Anhängsel am Ende des Lächelns. Nase, Mund und Kinn sind gegeneinander versetzt. Dazwischen sitzt das Lächeln, als würde es vorübergehend von der Form eines bestimmten Kopfes getragen.

Besonders wichtig ist der Hals. Hinter dem Kinn liegt eine tiefe dunkle Partie, erst danach folgen die schlanken Übergänge zur Brust. Der Kopf ragt vor, Schultern und Brust breiten sich darunter aus. Frontal erscheint der schmale Hals leicht nur als Merkmal eines mageren alten Mannes. Seitlich wird er zur klar sichtbaren Verbindung zwischen Kopf und unterem Teil. Ausrichtung des Gesichts, Einziehung vor dem Hals und Vorsprung des Bruststücks bilden einen Weg mit mehreren Wendungen.

Kein Kragen verdeckt diesen Weg; wir können ihn vom Kinn bis zur Brust verfolgen. Das Lächeln bekommt einen körperlichen Ursprung: Es gehört zu einem Kopf, den ein Hals trägt, statt als Ausdruck im Raum zu schweben. Auch die Nähe entsteht nicht allein durch sorgfältig ausgearbeitete Augen und Lippen. Der ganze Kopf scheint sich etwas in unseren Raum vorzuschieben, während das Bruststück ihn wieder in die Grenzen des Werks zurücknimmt.

Beachten wir die Schnittkante hinter der Schulter. Signatur und Jahreszahl stehen darauf, unmittelbar neben der körperähnlichen Oberfläche. Sie erinnern daran, dass dies zugleich das Bild eines Menschen und ein vollendeter, signierter Gegenstand ist. Beide Eigenschaften treffen nah aufeinander; dafür müssen wir nicht erst den Sockel ansehen.

3. Die Kleidung tritt zurück, das Bildnisformat wird sichtbar

Nackte Schultern gelten leicht als unmittelbar wahr: Ohne festliche Kleidung scheint nur noch der Mensch selbst übrig. Betrachten wir die ganze Büste in Abbildung 1, erkennen wir jedoch, dass auch die Nacktheit gestaltet ist.

Beide Schultern enden ungefähr an entsprechenden Stellen; das Bruststück verjüngt sich nach unten zu einem Bogen. Es setzt sich weder in einen Bauch fort noch behält es Arme. Der untere Rand ist klar und vollständig ausgearbeitet; ein kleiner viereckiger Anschluss verbindet ihn mit dem dunklen Sockel. Wir sehen keinen zufällig unvollständigen Körper, sondern ein Porträtformat mit eindeutigen Grenzen.

Das Metropolitan Museum bezeichnet diesen Typ als à l’antique, also in antikisierender Form. Houdon schuf auch einen anderen Voltaire-Typ: Dasselbe Gesichtsbild wurde durch eine dichte Perücke und zeitgenössische Kleidung ergänzt, à la française genannt. Museumserläuterung zu beiden Typen Die Fotos dieses Essays zeigen stets die nacktschultrige Büste 1972.61. Die bekleidete Fassung dient nur dazu, sichtbar zu machen, dass auch das hier Fehlende eine Entscheidung innerhalb der Bildnisform ist.

Läge ein Rock auf den Schultern und ein Halstuch um den Hals, würde der Blick über Falten, Knöpfe und Perückenlocken nach außen wandern. Dieses Werk nimmt solche Wege zurück und verbindet die Rundung des Schädels, die schmalen Halslinien und die breite Brustfläche. Kleidung erklärt Beruf und Rang nicht auf den ersten Blick. Dafür gewinnt das Bildnis eine Einfachheit, die sich für dauerhafte Aufstellung eignet.

Diese Einfachheit glättet das Alter nicht. Der kahle Scheitel bleibt neben den Haaren an den Ohren bestehen, der dünne Hals wird nicht zu einem kräftigen Zylinder idealisiert, und die Wendungen des Gesichts verschwinden nicht zugunsten des antiken Formats. Eine relativ stabile äußere Form umgibt sehr konkrete Gesichtszüge. Die empfundene Würde hängt nicht allein von aufrechter Haltung, Kraft oder festlicher Kleidung ab. Sie kann auch daraus entstehen, dass die Gestalt eines Menschen sorgfältig bewahrt und in einem klaren Rahmen gezeigt wird.

Das hängt mit der Verwendung eines öffentlichen Porträts zusammen. Voltaire muss nicht selbst vor jedem Sammler stehen. Sein Bild kann in entfernte Räume gelangen und sich zu Büsten anderer Menschen gesellen. Das Museum hält es für möglich, dass Graf Stroganow das Werk während seines Pariser Aufenthalts von 1770 bis 1779 direkt bei Houdon kaufte; diese Möglichkeit bleibt Teil der Aussage, keine Gewissheit. Sammlungseintrag Gesichert ist die spätere gemeinsame Aufstellung mit der Diderot-Büste in Sankt Petersburg. Das Porträt schafft damit eine anordnungsfähige Gegenwart: Wer wird zusammengestellt, an wen erinnert man sich, wessen Gesicht darf dauerhaft in einem Zimmer erscheinen?

4. Die Rückseite begrenzt diese Gegenwart

Im Rückseitenfoto bleibt der Kopf vollständig. Darunter erscheint jedoch eine Fläche, die sich stark von Haut unterscheidet.

Rückseite derselben Büste. Unter dem glatten Scheitel umgeben kurze Locken den Nacken. Die breite Schnittfläche unter den Schultern trägt dichte waagerechte Spuren; mittig unten ragt ein weiterer Verbindungsabschnitt hervor.
Abb. 4. Rückseite. Hinterkopf, Haarspitzen, Nacken und die quer strukturierte Fläche hinter dem Bruststück begegnen sich im selben Blickfeld.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Sehen wir zunächst nach oben. Der Scheitel bildet eine große zusammenhängende Rundung. Das Haar sammelt sich weiter unten, einige Spitzen biegen zum Nacken zurück und bilden kleine Vertiefungen unterschiedlicher Dunkelheit. Was frontal ein dünner Haarkranz war, erhält hinten genügend Tiefe für Schatten. Es umhüllt nicht den ganzen Kopf, sondern hinterlässt am Übergang zwischen Schädel und Hals einen unregelmäßigen Rand.

Darunter verbreitert sich der Nacken sanft zu den Schultern. An deren unterer Kante endet die körpernachahmende Oberfläche plötzlich. Hinter dem Bruststück liegt eine große Fläche dichter waagerechter Spuren; ähnliche Erhebungen finden sich am mittleren Vorsprung darunter. Sie haben eine andere Funktion als die feinen Veränderungen, die vorn Haut, Lider und Lippen darstellen. Hier sehen wir zunächst bearbeiteten Stein und eine zurückgelassene Arbeitsfläche. Fotos zeigen diesen Unterschied, erlauben aber nicht, jeder Spur ein Werkzeug und eine Reihenfolge der Bearbeitung zuzuweisen.

Eine solche Rückseite verändert unser Verständnis von „Lebensechtheit“. Houdon lässt nicht jeden Teil auf dieselbe Weise Körper spielen. Der Hinterkopf setzt die Erscheinung des Menschen fort, die Rückseite des Bruststücks gehört unmittelbarer zum Aufbau einer Skulptur. Beides besteht im selben Gegenstand nebeneinander, mit klarer Grenze.

Erinnern wir uns an die Vorderseite: Der bogenförmige untere Rand schien den Menschen ordentlich zu tragen. Hinten erkennen wir, dass diese Ordnung wirkliche Tiefe und eine Arbeitsfläche auf der Rückseite besitzt. Ein öffentliches Porträt kann auch deshalb in einen Raum gelangen und an einer Stelle aufgestellt werden, weil es zu einem klar begrenzten Gegenstand gemacht wurde. Die Lebendigkeit des Gesichts und diese Gegenständlichkeit heben einander nicht auf. Gerade dieser Stein bringt einen abwesenden Menschen immer wieder ins Sehen.

5. Der Mensch ist nah, der Abstand bleibt

Schwarz-weiße Nahaufnahme derselben Büste von schräg vorn. Dunkle Punkte in den Augen, der Bogen der dünnen Lippen, Wendungen der Jochbeine und tiefe Halsschatten sind gleichzeitig deutlich. Der untere Brustsaum und die Oberkante des Sockels bleiben im Bild.
Abb. 5. Nahaufnahme von schräg vorn. Das Gesicht füllt mehr vom Bild, doch Hals und Brust bleiben Teil des Betrachtens.Bilder auf der Werkseite des Museums ansehen ↗

Auf dieser Nahaufnahme könnte Voltaire scheinbar jederzeit in unser Gespräch einsteigen. Die dünnen Lippen öffnen sich nicht übertrieben, die Augen scheinen noch etwas im Gespräch zu beurteilen. Gegenüber lautem Lachen oder einer Rede zieht eine so begrenzte Bewegung die Betrachtenden leichter heran: Als kämen wir gerade zu einer kurzen Reaktion hinzu.

Doch das Foto liefert dieses Gespräch nicht. Es zeigt weder das Gegenüber noch den Satz, der ihn amüsierte, noch die Bewegung nach dem Lächeln. Solche Leerstellen lassen das Porträt offen wirken. Bei jeder Betrachtung kann jemand mit einem neuen Thema herantreten; dasselbe Gesicht kann dadurch über lange Zeit Assoziationen von Schlagfertigkeit, Freundlichkeit oder Ironie tragen.

Dieses Gegenwartsgefühl besitzt konkrete formale Bedingungen. Das Gesicht bewahrt einen begrenzten Bewegungsumfang, der Körper wird zu einer ausstellbaren Büste zusammengefasst, Name und Sammlungsgeschichte führen das Bild in die öffentliche Erinnerung. Erst das Zusammenwirken dieser Dinge lässt einen weniger als einen halben Meter hohen Marmor eine so starke menschliche Gegenwart vermitteln.

Sehen wir noch einmal auf Augen und Mund. Sie sind weiterhin nicht vollständig zu einem einfachen Ausdruck verschmolzen. Das Lächeln bringt uns nahe, die bewahrte Richtung der Augen gibt dem Gesicht ein eigenes Anderswo. Houdons Voltaire gewinnt dadurch eine besondere Distanz: Er ist zugänglich, doch wir können nicht jede seiner Reaktionen für ihn zu Ende schreiben.

Optionale Lektüre: Ein weiterer Blick mit SAE

Diese Büste wirft zwei verbundene, aber unterschiedliche Fragen auf: Wie erscheint ihre Lebendigkeit vor uns? Und welche Herkunft bewahren die verschiedenen Spuren, die wir sehen?

Vergleichen wir zunächst Abbildungen 1 und 5. Beide zeigen schräge Vorderansichten, unterscheiden sich aber in Ausschnitt, Beleuchtung und Farbwiedergabe. In Abbildung 1 erscheint der Stein weicher; Übergänge zwischen Scheitel, Stirn und Wange wirken sanft. Abbildung 5 hebt die dunklen Stellen in den Augenhöhlen, unter der Nase und vor dem Hals deutlicher hervor und lässt die Gesichtswendungen straffer erscheinen. Es bleibt dieselbe Marmorbüste. Wir dürfen die größere „Schärfe“ der zweiten Aufnahme nicht vollständig einem festen Charakter des Dargestellten zuschreiben. Licht und Fotografie wirken daran mit.

SAEs „Wahrnehmungsschönheit“ bringt solche Erscheinungsbedingungen zurück in die Betrachtung. Han Qins Essay „Wenn das Licht schwindet, erscheint der Garten anders“ beschreibt, wie Licht und Sinnesbedingungen die Erscheinung eines Gegenstands verändern können, ohne dass dieser beliebig umgestaltet wird. An der Büste lässt sich konkret fragen: Welche Vertiefung am Mundwinkel ist auf diesem Foto besonders klar? Warum wirkt das Kinn auf einem anderen leichter? Benennen wir diese Beziehungen, wird „Lebendigkeit“ zu etwas, das sich weiter untersuchen lässt, statt zu einem bloßen Ausruf der Bewunderung für das Können des Künstlers. Wahrnehmungsschönheit: Wenn das Licht schwindet, erscheint der Garten anders, auf Englisch

Diese Richtung erlaubt auch ein Verweilen nach dem Erkennen. Obwohl wir bereits wissen, dass er lächelt, können wir weiter verfolgen, wie die Lippenlinie an die tiefen seitlichen Einziehungen anschließt oder wie der breite Scheitel mit dem schmalen Hals zusammenhängt. Die Wahrnehmung muss ihre Arbeit nicht beenden, sobald sie „alter Mann“, „Lächeln“ und „Marmor“ erkannt hat.

Für die zweite Frage brauchen wir Abbildungen 2 und 4 zugleich. Stirnfalten, die Erhebungen unter den Augen und die eingezogenen Wangenlinien lassen das Alter des Menschen erkennen. Die Querlinien hinter dem Bruststück zeigen dagegen unmittelbar eine bearbeitete Steinoberfläche. Beide Seiten tragen Spuren, doch das „Zurückbleiben“ meint jeweils etwas anderes.

Voltaires Alter hat diesen Marmor nicht von selbst Falten entwickeln lassen. Die Gesichtslinien wurden geformt, um einen alten Menschen darzustellen. Die Querlinien hinten gehören dagegen zur tatsächlichen materiellen Bearbeitungsgeschichte der Skulptur. Erstere führen zum dargestellten Menschen; Letztere lassen fragen, wie dieser Gegenstand entstand. Beides pauschal „Spuren der Zeit“ zu nennen, würde gerade einen besonders interessanten Unterschied verwischen.

In seinem Essay zur „kausalen Schönheit“, „Das Holz bewahrt noch jenes trockene Jahr“, unterscheidet Han Qin überprüfbare Materialgeschichte von einer Vergangenheit, die Betrachtende den Spuren zuschreiben. Die Breite eines Jahrrings mit einer bestimmten Dürre zu verbinden, verlangt weitere Belege. Linien in einer Steinskulptur benötigen dieselbe sorgfältige Unterscheidung. Wir können feststellen, dass dies ein auf 1778 datiertes Marmorporträt ist, und unterschiedlich bearbeitete Vorder- und Rückseiten sehen. Das Foto weist aber nicht jeder Querlinie einen bestimmten Meißel und nicht jeder Stirnfalte eine bestimmte schwere Erfahrung aus Voltaires Leben zu. Kausale Schönheit: Das Holz bewahrt noch jenes trockene Jahr, auf Englisch

Dieser Strahl erinnert nicht bloß daran, weniger zu vermuten. Er erschließt zwei unterscheidbare Tiefen desselben Steins: Einerseits lässt die geformte Oberfläche das Alter eines Menschen sehen; andererseits bewahrt sie selbst Ergebnisse des Herstellens. Das Zweite wahrzunehmen entkräftet das Erste nicht. Wir können zugleich würdigen, wie ein Lächeln Gestalt annimmt und wie Material zu einem Gegenstand geordnet wird, der es tragen kann.

Der erste Strahl fragt, was unter diesen Betrachtungsbedingungen deutlich hervortritt. Der zweite fragt nach belastbaren Belegen für die Herkunft dieser Formen. Der erste macht das Maß des Lächelns spürbar, der zweite gibt Darstellung und Herstellung jeweils ihren Ort. Zusammen bringen sie uns dieser Büste näher: dem scheinbar antwortbereiten Gesicht ebenso wie dem Marmor, der es bis heute bewahrt.

Hinweise zu Bildern und Quellen

Dieser Essay untersucht fünf vom Metropolitan Museum of Art bereitgestellte Fotografien der Marmorbüste 1972.61: eine farbige Gesamtaufnahme, schwarz-weiße Vorder-, Seiten- und Rückansichten sowie eine Nahaufnahme von schräg vorn. Die heruntergeladenen Dateien bleiben unverändert, ohne Farbkorrektur, Beschnitt, erneute Kompression, Ergänzung oder Generierung. Beschreibungen von Ansichten und Oberflächen sind auf die Fotos beschränkt und nicht mit Betrachtung oder Berührung vor Ort gleichzusetzen.

Der Entstehungshintergrund stützt sich auf die Untersuchung der National Gallery of Art zum selben Porträttyp. Fotos, Maße und Sammlungsgeschichte dieses Essays beziehen sich ausschließlich auf Met-Objekt 1972.61. Die bekleidete Voltaire-Fassung dient nur als Vergleich zum Bildnisformat. Bildquellen und Lizenzen stehen im Bildnachweis, historische und theoretische Quellen in den Literatur- und Quellenangaben. Formanalyse und Betrachtungsurteile sind die vorgeschlagenen Lesarten dieses Essays.

Quellen (auf Englisch)

English

Met 1972.61, marble on a grey marble socle, 1778, height 47.9 cm. The suggested direct purchase from Houdon by Stroganoff remains qualified as probable. Other portraits are cited only for context.

The linked institutional records supply identification and historical context. The close reading and optional SAE connections are the essay’s interpretation, not claims attributed to the artist.

1. www.metmuseum.org

2. www.nga.gov

3. www.metmuseum.org

4. www.metmuseum.org

5. nondubito.net

6. nondubito.net

Bildnachweise und Nutzung (auf Englisch)

Die Website enthält WebP-Bilder in einer für die Lektüre geeigneten Größe, auch Details und weitere Ansichten. Ein Klick öffnet die Werkseite des Museums; die Originaldateien in voller Auflösung werden hier nicht bereitgestellt. Maße, Dateinamen, Ausschnittkoordinaten und Prüfsummen unten dokumentieren die archivierten Quelldateien, nicht die Webvorschaubilder.

English

Five museum photographs of Met 1972.61, Public Domain / CC0.

The website serves WebP previews. Original dimensions and checksums refer to the archived files.

1. www.metmuseum.org

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